Am Donnerstag werden sich in der Formel 1 alle Augen auf Paris richten, wo der FIA-Weltmotorsportrat vor einer schwierigen Entscheidung steht
Freispruch, Geldstrafe, Punktabzug, WM-Ausschluss: Alles scheint möglich am
Tag der Entscheidung, und deshalb schaut nicht nur die Formel-1-Welt am
Donnerstag wie gebannt nach Paris. Dann muss das World Motor Sport Council des
Automobilweltverbandes FIA, darunter auch ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk,
in der Spionage-Affäre um die Erzrivalen McLaren-Mercedes und Ferrari ein Urteil
fällen, das die "Königsklasse" in ihren Grundfesten erschüttern könnte. Neue
Beweise haben in diesem brisanten Fall eine erneute Anhörung erforderlich
gemacht.
In erster Instanz waren die Silberpfeile am 26. Juli aus Mangel an Beweisen
freigesprochen worden, allerdings auf Bewährung. Deshalb kündigte FIA-Präsident
Max Mosley den WM-Ausschluss des Teams für 2007 und 2008 an, falls sich doch
herausstellen sollte, dass sich McLaren-Mercedes durch geheime Ferrari-Dokumente
in dieser Saison einen Wettbewerbsvorteil verschafft hat.
Wie Tomczyk dem 'sid' verriet, beginnt die Anhörung am Donnerstag am FIA-Sitz
am Place de la Concorde um 9:30 Uhr. Er rechne mit einem Ergebnis noch im Laufe
des Nachmittags, sagte der mächtigste Mann im deutschen Motorsport, betonte
aber: "Das World Motor Sport Council wird sich die Entscheidung sicher nicht
leicht machen." Vorwürfe, dass die FIA die WM pro Ferrari beeinflussen wolle,
weist Tomczyk zurück: "Da ist nichts dran."
Ferrari-Boss Luca di Montezemolo will "Gerechtigkeit und nichts als die
Wahrheit", an den WM-Titel denke er dabei überhaupt nicht. Wenn dieser aber
durch die Strafe eines Konkurrenten errungen werden sollte, hätte er nichts
dagegen: "Eine WM am grünen Tisch ist auch ein Erfolg."
Bei McLaren-Mercedes beteuert weiter Jeder seine Unschuld. "Wir können da mit
Fug und Recht behaupten, nicht irgendetwas gemacht zu haben, was nicht erlaubt
ist. Wir haben nichts kopiert, sondern ein Auto gebaut mit unseren Ideen - und
ich denke, das hat man in Monza gesehen", sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug.
WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton pflichtete dem bei: "Wir haben absolut nichts
Verbotenes getan."
BMW Motorsport Direktor Mario Theissen fordert, dass das leidige Thema
schnell vom Tisch kommt. "Denn das ist nichts, mit dem man auf Werbetournee
gehen kann. Das belastet ja nicht nur die betroffenen Teams, sondern die Formel
1 insgesamt. Deshalb hoffe ich, dass am Donnerstag alles ganz schnell und
eindeutig geklärt wird", sagte Theissen im 'sid'-Gespräch.
Über das Strafmaß kann nur spekuliert werden. Einen Freispruch wie beim
ersten Mal erwartet diesmal jedoch kaum jemand. Von einer drakonischen
Geldstrafe von bis zu zehn Millionen Euro über einen Verlust aller in dieser
Saison gewonnenen Punkte bis hin zu einem WM-Ausschluss ist alles möglich.
Wenige Stunden vor der Anhörung drang allerdings eine weitere Variante an die
Öffentlichkeit: Um das spannendste Titelrennen seit Jahren nicht völlig zur
Farce verkommen zu lassen, geht McLaren-Mercedes 2007 straffrei aus, doch vor
der kommenden Saison werden dem Team 100 Punkte abgezogen. Damit würden die
Silberpfeile 2008 mit einem Minuskonto in die Saison starten.
"Plan B" wäre auch für Marc Surer die beste Lösung. "Das Urteil könnte einen
noch viel größeren Imageschaden anrichten, wenn es die WM beeinflusst", sagte
der 'Premiere'-Experte dem 'sid'. Dass Mercedes angesichts des Skandals aus der
Formel 1 aussteigen könnte, glaubt der Schweizer nicht: "Jetzt, wo sie das beste
Auto im Feld haben, ist für mich ein Rückzug undenkbar." Mercedes könnte aber
mehr Einfluss gewinnen. Surer: "Vielleicht wird McLaren-Teamchef Ron Dennis
entmachtet, weil er das Gesicht verliert in der ganzen Geschichte."
Für Michael Schumachers Manager Willi Weber ist die Sache klar: "Wenn das
alles so stimmt, muss es eine drastische Strafe geben. Für mich ist das eine
Sauerei und eine Katastrophe für den Sport", sagte Weber dem 'sid'. Mercedes sei
für ihn in der ganzen Angelegenheit aber unschuldig: "Ich kann mir nicht
vorstellen, dass ein Motorenpartner involviert ist. Das ist eine
Team-Geschichte."
Ausgelöst hatte die Affäre der einstige Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney,
der zu Beginn des Jahres von der Scuderia ins Testteam versetzt worden war,
nachdem er sich zuvor offen mit Abwanderungsgedanken getragen hatte.
Stepney soll danach geheime Daten, die insgesamt 780 Seiten umfassen, an
seinen Freund Mike Coughlan geschickt haben. Dessen Frau war aber beim Kopieren
in einem Copy-Shop erwischt worden. Coughlan, der bis dahin als Chef-Designer
für McLaren gearbeitet hatte, war von dem Team umgehend entlassen worden.
In der Konstrukteurswertung liegt Ferrari 23 Punkte hinter dem Rivalen
McLaren-Mercedes (143:166) zurück, der auch noch in einer Berufungsverhandlung
am 19. September in Paris die 15 wegen der Boxen-Blockade in Budapest
aberkannten Zähler zurückbekommen könnte.
In der Fahrer-WM scheinen Hamilton (92) und Titelverteidiger Fernando Alonso
(Spanien/89) den WM-Titel unter sich ausmachen zu können, da die Ferrari-Piloten
Kimi Räikkönen (Finnland/74) und Felipe Massa (Brasilien/69) bei nur noch vier
ausstehenden Rennen schon deutlich zurückliegen. Ferrari setzt deshalb jetzt
darauf, dass die FIA das erste Urteil revidiert.
Quelle: motorsport-total.com
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