Die Bundesliga-Handballerinnen des VfL Oldenburg werden in ihrem vierten Spiel der Saison 2007/08 das erste Mal so richtig gefordert.
Noch vor zwei Wochen hätten selbst die VfL-Anhänger diese Aussage ins
Reich der Träume abgetan, einen Tag vor der Heimpartie gegen Vizemeister Bayer
Leverkusen (Samstag, 16.30 Uhr, EWE Arena) ist sie aber Realität. Eine völlige
Untertreibung muss es deshalb nicht sein, wenn Renate Wolf, die Trainerin von
Bayer Leverkusen feststellt: "Nach der Papierform ist der VfL leichter Favorit."
Der Auftaktniederlage Bayers bei der TSG Ketsch zum Trotz: Ganz so leicht werden
die Gäste ihre Rolle als Ausnahmemannschaft in der Ersten Liga nicht los. Mit
nur vier Zugängen startete Leverkusen in die Serie - abermals baute die auf
Kontinuität setzende Wolf auf bisher Erreichtem auf. Das Gros des Teams war also
in den vergangenen zwei Jahren dabei, als es in vier Partien gegen den VfL vier
Siege mit einer Gesamtdifferenz von 40 Toren erreichte. Beeindruckenden
Tempohandball dürften die Beobachter dieses Mal aber auch von den
Oldenburgerinnen erwarten.
Machen die Zahlen vergangener Jahre Gastgeberinnen wenig Hoffnung, verhält sich
dies anders mit der Personalsituation: Während Oldenburg mit dem zuletzt so
erfolgreichen Kader auflaufen kann, hat sich in Leverkusen ein Grippevirus breit
gemacht, der den Einsatz von Gesine Paulus, Michaela Seiffert und Lena Knipprath
in Frage stellt.
Auch bedrückt Wolf, dass Neuzugang Laura Steinbach (von DJK MJC Trier), die
Nachfolgerin von Welthandballerin Nadine Krause (ging zum FC Kopenhagen) auf der
linken Rückraumposition, noch nicht wirklich fit ist. "Wir müssen und werden
nach sechs tollen Jahren ohne Nadine auskommen. Das Spiel ist eine wichtige
Standortbestimmung", sagt Wolf, die zudem feststellt: "Auch in der vergangenen
Serie haben wir das erste Spiel verloren. Die Meisterschaft entscheidet sich
erst später."
Krowicki hofft auf viele Anhänger
Kollege Krowicki hofft derweil auf die Oldenburger Zuschauer. "In so einem Spiel
brauchen wir das Publikum mehr denn je", sagt der Trainer, der beim 31:20-Sieg
am Mittwoch bei der HSG Sulzbach/Leidersbach ein weiteres Mal registrierte, dass
seiner Mannschaft "Powerhandball" über 60 Minuten gelingt. "Wir haben zwar
einiges verworfen, doch das lag bestimmt auch an der langen Fahrt", sagt er und
bemerkt: "Gegen Leverkusen müssen wir nicht anreisen, oder?"
Mit 8, 16 und 11 Toren Vorsprung hat das Team von Trainer Leszek Krowicki seine
Spiele bis jetzt gewonnen, die erstmalige Tabellenführung seit dem ersten
Spieltag der Saison 1986/87 erreicht und den bisherigen Startrekord von drei
Siegen (Saison 85/86 und 88/89) eingestellt.
Blick zurück: Zweimal schon 6:0 Punkte für den VfL
Krowicki ("Ich bin unheimlich gespannt, wie wir uns gegen eine solche
Spitzenmannschaft schlagen") und seine aktuelle Mannschaft könnten sich mit
einem Sieg mit Nachdruck für ein Kapitel in die VfL-Chronik empfehlen. Den
ersten Versuch, vier Siege zum Auftakt zu landen, hatte der VfL 1985
unternommen. Nachdem das damalige Team von Trainer Robert Schumann im zweiten
Jahr der eingleisigen Bundesliga am 21. September zunächst Jarplund Weding mit
21:17 nach Hause geschickt hatte, erreichte der Pokalsieger von 1981 auch in
fremden Halle Erfolge: Bei RW Auerbach (28. September 1985) gewannen Rita Forst
(damals Köster), Maike Balthazar (Becker) und Co. mit 23:18, beim späteren
Vizemeister VfL Engelskirchen am 5. Oktober mit 20:16.
Es folgte eine unvergessen gebliebene Partie beim damals so starken Aufsteiger
TV Lützellinden. Die Mannschaft von Jürgen Gerlach war im vierten Spiel am 9.
November die bessere Mannschaft, führte auch zum Seitenwechsel mit 11:7. Doch in
der Pause verletzten Ordner des TVL die Oldenburger Torhüterin Christa
Siebert-Bandlow am Rücken. Die Oldenburgerin wurde von einer getragenen Bank
unabsichtlich getroffen, musste ins Krankenhaus gebracht werden. Der Protest des
VfL hatte keine Wirkung, der 22:20-Sieg Lützellindens blieb bestehen.
"Lützellinden war die bessere Mannschaft, die hätten auch ein Wiederholungsspiel
gewonnen", gibt Siebert-Bandlow heute zu. Meister 1985/86 wurde übrigens
Leverkusen, der VfL landete auf Platz drei, Gerlachs Lützellinden wurde Vierter.
Drei Jahre später verhinderte wieder der TVL den vierten Sieg im vierten Spiel.
Nach Erfolgen gegen Grün-Weiß Frankfurt (17:15 am 17. September 1988), beim VfL
Sindelfingen (18:12/24. September) und daheim gegen den amtierenden Meister VfL
Engelskirchen (17:15/1. Oktober) verlor Oldenburg am 8. Oktober in der
Brandsweg-Halle gegen die Hessinnen mit 18:22.
Siebert-Bandlow sieht Gemeinsamkeiten in beiden VfL-Mannschaften
Christa Siebert-Bandlow, die heute zusammen mit dem damaligen Abteilungsleiter
des VfL, Eberhard Erlebach, live die VfL-Heimspiele im Lokalfernsehen von
Oldenburg Eins kommentiert, sieht durchaus Ähnlichkeiten in den VfL-Teams von
damals und heute: "Unser großes Plus war der Zusammenhalt. Auch bei uns war
nicht immer alles ein einziger Sonnenschein, aber der Sache wegen haben wir uns
respektiert. Alle haben an einem Strang gezogen. Heute habe ich wieder das
Gefühl, dass beim VfL etwas zusammen wächst. Wenn man dieses zarte Pflänzchen
hütet und gießt, kann sich etwas sehr Gutes entwickeln."
Auch handballerisch macht der 1989 zur Ehrenspielführerin des VfL ernannten
Torhüterin die aktuelle Mannschaft Freude: "Mir gefällt die gute Abwehrarbeit,
mir gefällt der Mittelblock und mir gefällt meine Nachfolgerin im Tor. Tatiana
Surkova strahlt Ruhe und Routine aus." Für den Samstag erwartet die
Oldenburgerin ein Spiel zweier Mannschaften, die beide den Tempohandball
bevorzugen: "Ich freue mich unheimlich auf diese Partie."
Spiekerooger Leidenschaft organisiert attraktives Rahmenprogramm
Neben dem sportlichen Genuss wird in der EWE Arena beim VfL-Spiel gegen Bayer
Leverkusen am Samstag um 16.30 Uhr auch im Rahmenprogramm etwas geboten. Wie
beim siegreichen Heimspiel gegen den Thüringer HC (36:20) können sich die
Zuschauer nach der Partie im Foyer gemeinsam mit den Spielerinnen in einer
"Leidenschaftlichen Fotoaktion" ablichten lassen. Zudem präsentiert sich nicht
nur der Sponsor des Spiels, das Apart-Hotel "Spiekerooger Leidenschaft" in der
Arena.
Auch das im Frühsommer eröffnete Künstlerhaus auf der Nordseeinsel ist im Foyer
vertreten. Die Besucher können dort ein großes Mosaik mitgestalten, das
zugunsten der "Beluga School for Life" zu einem späteren Zeitpunkt versteigert
werden soll. Mit dem VfL auf der Tribüne fiebern wird übrigens Lutz Stratmann,
der Wissenschaftsminister des Landes Niedersachsen. Kurz vor dem Spiel wird er
in der Halle vor den Zuschauern interviewt, in der Halbzeitpause misst er sich
beim Siebenmeterwerfen gegen eine VfL-Torfrau mit weiteren Überraschungsgästen.
Quelle: handball-world.com
|