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Historiker schätzen Patrotismus unterschiedlich ein | 2006-07-05


Hamburg - Der während der WM neu entdeckte Jubel-Patriotismus vieler deutscher Fußballfans wird von Historikern im Hinblick auf sein Haltbarkeitsdatum unterschiedlich bewertet.

Nach Einschätzung des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler wird dieser nach der Weltmeisterschaft abflauen. Es handelt sich um eine Parallel-Erscheinung zum rheinischen Karneval, sagte Wehler der Deutschen Presse-Agentur . Nach dem Endspiel wird das abflauen. Dann wird man sich daran erinnern, wie fröhlich man gefeiert hat.

Der Historiker Wolfram Pyta urteilt, dass auch nach der WM-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien Schwarz-Rot-Gold nicht von der Bildfläche verschwinden wird. Es wird keine kollektive Depression und Untergangsstimmung geben. Der neu entdeckte, ungekünstelte Patriotismus bleibt, sagte der Wissenschaftler des Historischen Institutes der Universität Stuttgart in einem dpa-Gespräch. Gerade junge Menschen behielten das Bekenntnis zur Nation bei. Pyta: Sie werden nicht mehr so selbstquälerisch sein wie ihre Eltern.

Wehler dagegen hält die Deutschland-Flaggen und die euphorischen Siegesfeiern bis zum WM-Aus der deutsche Nationalelf für eher flüchtige Phänomene. Obwohl ich gegenüber den nationalen Regungen meiner Landsleute skeptisch bin, halte ich dies für harmlos, betonte Wehler. Das Ganze ist nach meinen Kriterien weit von Nationalismus entfernt. Bei großen Sportereignissen tauche immer wieder das Phänomen auf, dass sich die Menschen mit der eigenen Mannschaft identifizierten. Sportereignisse sind ein Sicherheitsventil - da bricht die Begeisterung durch, aber dann ist es vorbei.

Immerhin hätten die Fans mit ihrem Patriotismus und ihrer Begeisterung den Neonazis in Deutschland einen effektiven Dämpfer versetzt. Das ist ein erfreuliches Phänomen, betonte der Wissenschaftler. Schwarz-Rot-Gold sei eine sehr honorige Farbe, die an die Revolution von 1848 erinnere, sagte Wehler zu dem Meer von Deutschland-Flaggen etwa auf den Fanmeilen.

Pyta vermutet, dass das Fahnenschwenken bis zum Ende der WM zwar nicht in dieser Größenordnung weiter laufen wird, aber schwarz-rot- goldene Fahnen an den Autos wird es weiter geben. Das Spiel um den dritten Platz in Stuttgart sei eine Abschiedstour, bei der nicht das Ergebnis im Vordergrund stehe, meinte der Historiker. Es wird eine Stimmung der Dankbarkeit und Anerkennung der Leistung des Teams sein.

Doch nicht nur im Innern, auch nach Außen habe sich das Deutschland-Bild gewandelt. Die Deutschen haben gezeigt, dass sie keine germanischen Kampfverbände, keine Panzer sind, sagte Pyta. Spieler, Trainer und auch die meisten Fans seien gute Verlierer gewesen.


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