Gelsenkirchen - Auch als alle Lobeshymnen gesungen waren, machte es Joachim Löw wie sein einstiger Chef Jürgen Klinsmann: Mit dem Auto entschwand der neue Bundestrainer einsam in die Nacht. Die Spieler verließen genauso eilig den Ort des 3:0-Sieges gegen Schweden.
An diesem Tag wohl der einzige Unterschied zu den Zeiten des ehemaligen Einpeitschers Klinsmann, der immer noch auf eine gemeinsame Nacht im Hotel bestanden hatte. Wir haben uns gefühlt wie bei der WM, beschrieb Teammanager Oliver Bierhoff die stimmungsvolle schwarz-rot-goldene Weltmeisterschafts-Zugabe von Gelsenkirchen.
Löw selbst freute sich zwar, dass sein Team vor 53 000 Fans im Stadion und rund 10,5 Millionen an den TV-Geräten den Schwung und Elan aus der WM in die neue Zeitrechnung mitgenommen hatte. Doch den sportlichen Erfolg reklamierte er mit Hinweis auf die in zwei Wochen startende EM-Prüfung schon für sich: Das Thema Klinsmann ist jetzt abgeschlossen. DFB-Chef Theo Zwanziger spendete großes Lob: Ich war sprachlos, ich habe nicht geglaubt, dass die Spieler jetzt schon wieder so eine individuelle Klasse zeigen können. Da sich auch die Kreislaufprobleme von Jens Lehmann, der sich in der Nacht nach dem Spiel kurz in ein Krankenhaus begeben musste, als harmlos erwiesen, war es ein rundum gelungener Einstand.
Löw steht vor einer völlig anderen Aufgabe: Kein einmaliges WM-Projekt, sondern eine anstrengende EM-Qualifikation in zwölf Etappen. Die erste muss der Weltmeisterschafts-Dritte am 2. September in Stuttgart gegen jene Iren absolvieren, die sich im eigenen Stadion gerade eine 0:4-Packung gegen die Niederlande abholten. Dennoch warnte der neue deutsche Dominator Miroslav Klose, der in der ewigen DFB-Torjägerliste mit 31 Treffern inzwischen auf Rang elf steht: Das wird ein sehr schweres Spiel. Wie jeder weiß, geht Irland sehr hart zu Werke. Den deutlichen Erfolg über völlig überforderte junge Schweden stufte die Mannschaft dann auch vorrangig als Zeichen an ihren neuen Boss Löw ein. Wir wollten unserem Trainer zeigen, dass er auf uns bauen kann. Das hat gut geklappt, betonte Torsten Frings.
Das Spiel gibt nochmal Selbstvertrauen. So muss es weitergehen, bemerkte Philipp Lahm, auch als rechter Verteidiger neben dem zweifachen Torschützen Klose und Ersatz-Kapitän Bernd Schneider (2. Länderspiel-Tor) mit einer Top-Leistung. Vor allem in den ersten 45 Minuten hatten die WM-Helden auch ohne fünf verletzte Kräfte einschließlich Kapitän Michael Ballack so agiert, als treibe sie Offensiv-Guru Klinsmann von Kalifornien aus weiter heimlich an. Für uns war es wichtig, das Spiel so nach vorne zu bringen, wie es der Jürgen immer gefordert hat, sagte der überragende Klose, der wegen einer leichten Blessur zur Halbzeit raus durfte.
Für die neue Begeisterung sei Jogi Löw schon maßgeblich mitverantwortlich, übermittelte dessen Personal unmissverständlich. Löw hat bereits als Assistent viel selbstständig gearbeitet. Jetzt hat der 46-Jährige lange mit den Spielern gesprochen, hob die eigenen Stärken hervor und verzichtete anders als bei der WM auf eine Analyse des Gegners. Die Mannschaftssitzung habe Löw zwar nicht mit dem Elan von Jürgen, aber sehr diplomatisch geleitet, berichtete Klose und ergänzte: Man hat gesehen, dass er auch so motiviert hat. Routinier Schneider ließ keine Vergleiche mehr zu: Heute war Jürgen Klinsmann nicht mehr da - und er wird auch in Zukunft nicht mehr da sein.
Dafür ist jetzt Löw da - und schon nach 90 Minuten auf dem Chefsessel angekommen. Ich war in keiner Weise nervös vor dem Spiel, ich hatte einfach auch ein gutes Gefühl. Wenn man dann in der Anfangsphase zwei Tore erzielt, erleichtert das den Start natürlich etwas, erzählte der Bundestrainer, der auf der Bank einen Platz nach ganz rechts außen gerückt ist. 23 Mal sprang Löw während des Schweden-Spiels von dort auf, 23 Mal setzte er sich wieder. In den letzten Minuten hockte er entspannt auf einem Geländer.
Die Zukunft sieht hoffnungsvoll aus. Nicht nur Löws erste Debütanten Manuel Friedrich und Malik Fathi haben Lust auf mehr als 45 Minuten Nationalelf bekommen. Auch Talente wie Stefan Kießling, Eugen Polanski, Piotr Trochowski oder Mimoun Azaouagh klopfen an. Auch Kevin Kuranyi, Fabian Ernst oder Patrik Owomoyela wollen in den erlesenen Kreis zurück. Und die WM-Helden sind weiter heiß. Deutschland ist derzeit eines der besten Teams der Welt, lobte Schwedens erfahrener Coach Lars Lagerbäck den eingespielten Gegner. Die wahre Bewährungsprobe für den neuen Chef Löw wird erst mit den ersten Rückschlägen kommen, denn selbst Aufsteiger Lahm räumte ein: Es ist auch klar, dass wir nicht immer so gut spielen können.
Dem Zufall wird Löw wie sein Vorgänger Klinsmann nichts überlassen. Chefspion Urs Siegenthaler beobachtete den ersten EM-Gegner Irland vor Ort. Er wird mir alle Informationen geben, die wir brauchen, berichtete der Bundestrainer. Und auch über mangelnden Optimismus muss sich Löw nicht beklagen, wie Jungstar David Odonkor verdeutlichte: Natürlich können wir Europameister werden. Wenn wir dieses Ziel anstreben, schaffen wir es auch.
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