Berlin - Schon das Erreichen des WM-Halbfinales hat Deutschland in eine Klinsmann-Stimmung versetzt, die auch viele Künstler und Unterhaltungsprofis ansteckt und wieder optimistischer in die Zukunft blicken lässt.
Die Wirkung dieser WM gehe längst über das Sportliche hinaus, meinte Fußball-Fan Thomas Gottschalk. Da kommt sogar Künstlerneid auf die Fußballer auf, wenn der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann (69), Jürgen Klinsmann als den bedeutendsten deutschen Theaterregisseur ausruft - weil die Fußballstadien die neuen großen Bühnen im Lande mit zum Teil grandiosen Darstellern als wahren Helden seien.
Jeder hat das Recht, ordentlich zu feiern, auch die Künstler, meint der neue Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck (68). Wenn auch mit gemischten Gefühlen, denn die Angst davor, dass diese Stimmung in der Kulturszene zu einer Ausbreitung der so gefürchteten Event-Kultur führen könnte - eine irritierende Verschmelzung von Fußballspiel, Kultur und Love Parade - sitzt bei vielen Künstlern tief, jedenfalls traditionell in Deutschland. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von Spektakel zu Spektakel eilen und die Kultur dabei ins Schlepptau gerät, die doch ins Zentrum einer Kulturnation gehört, meint der Politgrafiker Staeck.
Aber zunächst einmal ließen sich auch andere linke Altvordere wie der 83-jährige Walter Jens von der Stimmungslage anstecken. Sie verleiht nach Jens Ansicht auch der gebeutelten Kulturszene in diesem Land, wo viele Künstler finanziell herumkrebsen, neuen Schwung. Die Frage bleibt natürlich, wie weit das trägt. Es kommt auch wieder die Stunde der Wahrheit, aber dann kann die Kultur so manches auffangen.
So weisen viele Künstler darauf hin, dass die öffentliche Hand vor dem Hintergrund von Brot und Spielen uns allen immer mehr in die Tasche greift mit den größten Steuererhöhungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Berufsverband Bildender Künstler (BBK) prangerte eine künstlerfeindliche Politik der Bundesregierung an. Viele Museumskollegen in Deutschland hätten genauso das Recht, wie die Mediziner durch die Straßen zu toben, meint der Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Bernd Lindemann, im Politikmagazin Cicero.
Massive Kritik hagelt es in diesen Tagen vor allem in punkto Novellierung des Urheberrechts. Im Schatten des allgemeinen WM-Trubels hat der Bundestag beispielsweise die Einkommen der Künstler bei den Weiterverkäufen oder der Vervielfältigung ihrer Werke beschnitten und eine Föderalismusreform verabschiedet, die für viele einen Rückfall in die Kleinstaaterei auch in der Kultur bedeutet. Der Deutsche Kulturrat sieht ein Endspielergebnis von 4:2 gegen die Kultur, verabschiedet vom Parlament wenige Stunden vor dem Spielbeginn Deutschland-Argentinien.
Entsprechend misstrauisch hat der Regisseur Christoph Schlingensief von Bayreuth aus, während der Wiederaufnahme-Proben für seinen Parsifal, die Umarmung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kaiser Franz Beckenbauer im Berliner Olympiastadion beobachtet. Deutschland ist auf den Straßen und in den Stadien vorübergehend zufrieden mit sich selbst und gleichzeitig im dramatischen Wettbewerbsfieber im Gesundheitswesen, bei den Renten und auf dem Arbeitsmarkt. Das böse Erwachen kommt noch. Jetzt war der ideale Zeitpunkt für harte Einschnitte. Aber ich wünsche jedem Patienten vor der schmerzhaften Operation ein rauschendes Fest, da soll er ruhig nochmal auf die Pauke hauen.
Das Erwachen wird fürchterlich, sagt auch Schauspieler Ulrich Matthes (Der Untergang). Also war die WM nur ein Rausch? Nein, es war gute Laune bei einer gelungenen Party, nicht mehr und nicht weniger. Das ist schon eine Menge bei uns Deutschen, ich habe das meinen Landsleuten nicht zugetraut. Es war ein großes, helles, strahlendes Vergnügen, wie Christos Reichstagsverhüllung 1995. Oder wie der Fall der Mauer 1989, wie eine italienische Zeitung vergleichend meinte, die von einem enthusiastischen Delirium von Millionen Menschen bei der WM sprach.
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