Berlin - Das Finale steigt am 7. Juli. Dann kämpfen zwei Mannschaften in Berlin um die Weltmeisterschaft im Improvisationstheater.
Die Theatersport-WM ist wie das Turnier im Straßenfußball eines der letzten Projekte im offiziellen Kulturprogramm der Fußball-Weltmeisterschaft, das die Bundesregierung noch unter Kanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufen hatte. Den Schlussakkord setzte Dirigent Ingo Metzmacher am 9. Juli mit einem launigen Klassik-Konzert auf der Fanmeile am Brandenburger Tor.
Ein Etat von 30 Millionen Euro, 48 Ausstellungen, Konzerte, Filme, Lesungen und Festivals: So viel Kultur hat es zu einer Fußball-WM noch nie gegeben. Die DFB-Kulturstiftung sieht das offizielle Programm mit 2,5 Millionen Besuchern als Erfolg. Kritiker hatten an dem Doppelpass zwischen Fußball und Feuilleton relativ wenig auszusetzen. Viele Städte, Künstler, Schriftsteller und Musiker sprangen mit weiteren Aktionen auf den WM-Zug auf.
Publikumsmagnet im offiziellen Programm war der riesige, begehbare Fußball des Kurators André Heller. Derzeit steht der Multimedia- Globus, der an einen Hamburger Unternehmer verkauft ist, noch am Brandenburger Tor und ist ein Nachbar der Akademie der Künste. Der sonst sehr kritische Akademie-Präsident, Klaus Staeck, drückt ein Fußballauge zu, sagt er. Mit dem Globus lebe ich André Heller zuliebe. Die Kulturszene profitiert seiner Meinung nach nicht von der WM. Es kommt ein Fachpublikum, hat Staeck beobachtet.
Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat das offizielle WM-Kulturprogramm als eindeutigen Erfolg bewertet. Die WM finde in einer wunderbaren Atmosphäre statt, und dazu habe das Kulturprogramm sicherlich einen Teil beigetragen, sagte Neumann. Wir haben viele qualitativ hochwertige Veranstaltungen erlebt, und die Zahlen sprechen für sich.
Die Dimension einer Fußball-WM sei nur mit Olympischen Spielen vergleichbar. Insofern wird es ein Programm mit diesem Umfang so schnell nicht wieder geben, erläuterte Neumann. Vorbildcharakter hat das Kulturprogramm nach meiner Auffassung aber durchaus: Es hat gezeigt, dass es zwischen der vermeintlich rein geistigen Sphäre der Kunst und dem vermeintlich rein körperlichen Bereich des Sports mehr gegenseitige Befruchtungen gibt, als man allgemein annimmt.
Ihm persönlich habe ebenfalls Hellers begehbarer Fußball-Globus am besten gefallen - ein schönes und stimmiges Bild für die weltweite Ausstrahlung des Spiels. Neumann habe es zudem besonders gefreut, dass er Anfang Juni die Teilnehmer der Fußball-Weltmeisterschaft der Literaten in Bremen begrüßen konnte.
Während einige Museen und Kinos während der sommerlichen WM gegen die Besucherflaute kämpften, wurde im Kulturprogramm vorgebeugt: Die meisten Projekte liefen vor dem Anpfiff, während des Turniers stand der Fußball im Mittelpunkt. Lob gab es für Ausstellungen wie Rundlederwelten, die Oper Aus der Tiefe des Raumes, das edle Magazin Anstoss oder auch für die von namhaften deutschen Künstlern entworfenen WM-Poster.
Volker Bartsch, Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung, schwärmt besonders vom Film Die Kunst des Fußballs mit John Cleese und vom Theaterstück Ein Herz ist kein Fußball, mit dem die Gruppe RambaZamba auf Tournee ging. Das war wirklich eine tolle Produktion, sagt er. Auch dass sich der deutsche OK-Chef Franz Beckenbauer öfter bei den Kulturveranstaltungen blicken ließ, hat ihn gefreut.
Manchmal kam bei Kritikern die Frage auf: Wer schützt den Fußball vor den Intellektuellen?, etwa bei der Lesung Kopfballspieler, bei der Autoren und Fußballer nicht zueinander fanden. Auch das mexikanische Tourneespektakel pok ta pok war nicht jedermanns Sache. Das Freiluftstück Soccersongs von Robert Wilson und Herbert Grönemeyer fiel aus, ebenso wie die Inszenierung eines Stücks von Elfriede Jelinek. Der größte Rückschlag im Kulturbereich war aber sicherlich, dass die FIFA Hellers Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion aus Sorge um den Rasen absagte - schwer zu verstehen für tausende Freiwillige und natürlich den österreichischen Künstler selbst.
Diese Negativschlagzeilen waren - wie viele andere - nach dem Anpfiff verschwunden. Nach dem Fußballfest ist es mit der Kultur noch nicht vorbei. Regisseur Sönke Wortmann (Das Wunder von Bern) hat die deutsche Nationalmannschaft auf Schritt und Tritt bis in die Kabine begleitet. Dass ich das überhaupt machen durfte, hat mich bei dem ganzen Projekt bisher am meisten überrascht, sagt er.
Vielleicht gelingt dem Regisseur mit seiner Doku ein ähnliches Glanzlicht wie seinem französischen Kollegen Stéphane Meunier (Les yeux dans les bleus). Der war hautnah dabei, als die französischen Fußballer bei der Weltmeisterschaft 1998 im eigenen Land den Titel errangen. Möglicherweise zeigt Sönke Wortmann in seinem Film ja, wie Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel die deutschen Spieler in der Kabine nach der schmerzlichen Niederlage gegen Italien getröstet haben.
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