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Riesenjubel von Lissabon bis auf die Azoren | 2006-07-02


Lissabon - Mit dem Schlusspfiff in Gelsenkirchen brach in ganz Portugal ein Freudenfest aus. Ob in Lissabon, Porto, an der Algarve, auf Madeira oder den Azoren.

Nach dem Elfmeterkrimi im WM-Viertelfinale strömten die Menschen überall mit der Nationalflagge und rotgrünen Schals auf die Straßen, um ausgelassen den Sieg über England zu feiern. Auf der Avenida da Liberdade, bekannt als Lissabons Champs-Elysées, brach der Verkehr wegen des Ansturms zeitweise völlig zusammen, auf dem Platz des Marques de Pombal lagen sich Jung und Alt überglücklich in den Armen. Por-tu-gal, Cam-pe-ao! (Portugal Weltmeister), riefen sie und ließen immer wieder Torhüter Ricardo hochleben.

Mit seinen drei gehaltenen Elfmetern ist der 30-jährige Keeper von Sporting Lissabon über Nacht zum Nationalhelden geworden. Ricardo, König von Portugal, hieß es in SMS-Botschaften, die nach der Partie von Handy zu Handy verschickt wurden. Das Herz eines Löwen, die Hände aus Stahl, die Nerven aus Beton, feierte ihn am Sonntag die angesehene Zeitung Público. Cool wie eine Leiche habe sich Ricardo dem Elfmeterschießen gestellt.

Der Torhüter selbst blieb bescheiden und sprach wohl vielen seiner Landsleute aus der Seele, als er im Fernsehen erklärte: Gott war heute Portugiese!. Ganz so cool blieb er aber dann doch nicht. Als er den Sieg seiner Frau und seinem Sohn widmete, traten ihm die Tränen in die Augen. Auf Madeira stiegen derweil Raketen gen Himmel, die Menschen dort feierten ihren menino da terra (Landessohn) Cristiano Ronaldo. Der 21-Jährige aus der Inselhauptstadt Funchal hatte gegen England den entscheidenden Elfmeter verwandelt.

Für das kleine Land am Rande Europas war der Erfolg über die Fußball-Großmacht England ein historischer Sieg. Schließlich hatten die Portugiesen zuletzt vor 40 Jahren ein WM-Halbfinale erreicht, 1966 waren sie dann mit ihrem großen Star Eusébio just an den Engländern gescheitert. Selbst Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva, eigentlich die Zurückhaltung in Person, war so begeistert, dass er zum Hörer griff und Trainer Luiz Felipe Scolari persönlich gratulierte. Der Brasilianer, in seiner Wahlheimat inzwischen auch zum Volkshelden avanciert, zeigte sich selbstsicher: Portugal kann Weltmeister werden. Eusébio pflichtete ihm bei. Nun ist alles möglich, meinte der Schwarze Panther.

Etwas traurig waren die Portugiesen jedoch über das Ausscheiden Brasiliens, die einstige Kolonie wäre der Traumgegner im Halbfinale gewesen. Beide Länder haben ein sehr inniges Verhältnis, sicherlich drückten nun viele Brasilianer den Portugiesen die Daumen, hieß es.


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