Berlin - Trotz des Angstgegners Italien glaubt ganz Fußball-Deutschland jetzt felsenfest an den ganz großen WM-Triumph. Nach dem bestandenen Nervenkrieg gegen den ausgeschalteten Turnier-Favoriten Argentinien ist das Vertrauen in die Klinsmänner unerschütterlich geworden.
Italien ist schlagbar so wie Argentinien. Man stürmt jetzt Richtung Finale, erklärte selbst WM- Chef Franz Beckenbauer, der lange an den Methoden und der Mission des Bundestrainers gezweifelt hatte. Die Welt hat wieder Angst vor der deutschen Mannschaft, erklärte Teammanager Oliver Bierhoff mit breiter Brust nach dem Ende der über fünfjährigen Negativserie gegen große Fußball-Nationen.
Co-Trainer Joachim Löw fügte nach dem WM-Aus der Brasilianer und den damit rein europäischen Halbfinal-Spielen scherzhaft an: Weltmeister sind wir vor zwei Tagen geworden, jetzt wollen wir noch Europameister werden. Dabei plant die sportliche Leitung mit Kapitän Michael Ballack und dem besten WM-Torschützen Miroslav Klose, die sich mit Blessuren an den Waden plagen. Beide können spielen, sagte Löw. Wegen der hochsommerlichen Temperaturen verzichtete Klinsmann auf das geplante Mannschaftstraining. Statt der Einheit auf dem Fußball-Platz setzte der Bundestrainer kurzfristig ein Fitness-Training hinter verschlossenen Türen an.
Am 4. Juli soll im Wohnzimmer Dortmund, wo eine DFB-Elf noch nie ein Länderspiel verloren hat, zunächst die nächste schwarze Serie beerdigt werden. Jetzt nehmen wir uns Italien vor, verkündete Klinsmann-Assistent und Torwarttrainer Andreas Köpke und brachte damit das gewachsene Selbstbewusstsein von Michael Ballack & Co zum Ausdruck. Noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft gegen die Squadra Azzurra gewonnen. Zwei der bisherigen vier Duelle endeten remis, im denkwürdigen Halbfinale 1970 in Mexiko (3:4 nach Verlängerung) und im Endspiel 1982 in Madrid (1:3) war das DFB-Team jeweils unterlegen. Na und? Klinsmann schert sich nicht um die Historie: Wir schauen nur nach vorne.
Nach einer Familien-Party im Schlosshotel, mit der kurz das 4:2 im Elfmeterschießen gegen den Weltklasse-Gegner Argentinien gefeiert wurde, bat der Bundestrainer sein Personal am Sonntag zur Vorbereitung auf das WM-Halbfinale. Der Kampf um Kapitän Ballack und den 1:1-Torschützen Klose (jetzt schon 5 Turnier-Tore), neben Elfmeter-Held Jens Lehmann und Kämpfer Torsten Frings die entscheidenden Figuren beim Sieg über Argentinien, hatte jedoch schon unmittelbar nach dem Ende des Elfmeter-Dramas begonnen.
Trotz Krämpfen hatte Ballack wie Oliver Neuville, Lukas Podolski und Tim Borowski vom Elfmeterpunkt souverän verwandelt. Gleich danach ließ er seine lädierten Waden behandeln, auch Klose wurde von muskulären Problemen geplagt. Viele sind absolut über ihre Grenzen gegangen, lobte Klinsmann nach der aufwühlenden zehnten Halbfinal-Qualifikation einer deutschen WM-Mannschaft sein Personal.
Die medizinische Abteilung arbeitete rund um die Uhr, nicht nur der Abnutzungskampf gegen die bissigen Gauchos hat bei den Spielern Wirkung hinterlassen. In Per Mertesacker, Philipp Lahm und Lehmann haben drei Akteure bisher alle 480 WM-Minuten absolviert; Arne Friedrich, Torsten Frings, Bastian Schweinsteiger, Bernd Schneider, Lukas Podolski und Klose standen unwesentlich kürzer auf dem Platz.
Regeneration steht deshalb bei der Vorbereitung auf den Italien-Hit an erster Stelle. Klinsmann könnte sogar Frischblut in die Startelf bringen, vor allem Tim Borowski hatte nach seiner Einwechslung gegen Argentinien nicht nur durch seine Tor-Vorbereitung per Kopf seine Ambitionen unterstrichen. Allerdings würde der Bundestrainer, der bisher nur 17 seiner 23 Kader-Spieler einsetzte, am liebsten mit seiner Erfolgs-Elf bis zum Titelgewinn weiterspielen.
Wir sind sehr, sehr stolz auf unsere Mannschaft, haben aber schon direkt in der Kabine gesagt, dass wir nach vorne blicken. Wir wollen noch mehr, betonte Klinsmann. Nach dem couragierten Auftritt gegen die Argentinier, die sich am Ende als schlechte Verlierer erwiesen und nach einer Tätlichkeit durch den Reservespieler Leandro Cufre an Per Mertesacker fast eine Massenschlägerei provoziert hatten, müssen auch die letzten Nörgler registrieren: Klinsmanns Masterplan greift - Deutschland ist bereit für das achte WM-Endspiel.
Das jüngste 1:4 gegen Italien im März, das Klinsmann kurz vor der WM fast noch seinen Job gekostet hätte, ist für die deutschen Spieler eine zusätzliche Motivation. Dieser Stachel sitzt noch tief, gab Frings zu. Für die Trainer allerdings ist die Pleite kein Thema mehr: Auf das Spiel in Florenz gehen wir nicht eine Sekunde mehr ein. So etwas wird nicht mehr passieren, versicherte Löw.
Klinsmann hat bisher alles richtig gemacht, was man überhaupt richtig machen kann. Er hat voll auf die Karte Fitness gesetzt, er hat jedes Detail geplant, er hat in David Odonkor und Oliver Neuville zwei belächelte Joker nominiert, die auch Argentinien ärgern konnten. Und er hat Lehmann zur Nummer 1 befördert, der in Berlin mit zwei gehaltenen Elfmetern zum Matchwinner wurde.
Ich liebe Deutschland inzwischen, wegen der Atmosphäre. Die Menschen sollen feiern, kommentierte Lehmann seine Taten, zu denen Torwart-Coach Köpke mit einem Spickzettel beigetragen hatte. Dort hatte er die Gewohnheiten der argentinischen Elfmeterschützen registriert, Lehmann hatte den Zettel im Stutzen versteckt.
Gewinner ist nicht nur Jens Lehmann, Gewinner ist auch Oliver Kahn, schob Klinsmann hinterher. Denn Kahn hatte vor dem Elfmeterschießen seinem Rivalen fast liebevoll den Kopf getätschelt und mit einem festen Händedruck und anfeuernden Worten motiviert. Die Fans im Stadion und an den TV-Geräten spendeten für eine der Szenen des Tages spontan Beifall.
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