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Entthronte Brasilianer flüchten aus Deutschland | 2006-07-02


Frankfurt/Main - Die entthronten Weltmeister aus Brasilien verstreuten sich schnell in alle Winde. Wenige Stunden nach dem 0:1 (0:0)-Viertelfinal-Aus in Frankfurt/Main gegen Frankreich hielt Ronaldinho, Ronaldo & Co. nichts mehr in Deutschland.

Für Carlos Alberto Parreira war es möglicherweise seine letzte Dienstreise mit der Seleçao. Denn noch nie hat ein Trainer seines Landes nach einer verpatzten WM weitermachen dürfen. Ich weiß nicht, ob ich den Vertrag verlängere, sagte der 63-Jährige. Die Entscheidung wird nach der Heimkehr fallen.

Ronaldinho und Adriano verließen am Sonntag bereits um 8.15 Uhr das Frankfurter Mannschaftsquartier. Jetzt ist nicht der richtige Moment, um Reden zu schwingen. Das Leben muss weitergehen, sagte Ronaldinho und verbarg seine traurigen Augen hinter einer Sonnenbrille. Kurz nach 11.00 Uhr verließ auch Ronaldo durch einen Nebenausgang das Hotel und stieg wortlos in ein Taxi. Nur die Delegationsmitglieder und ein knappes Dutzend Spieler flogen in die Heimat, der Rest kehrte nach Italien oder Spanien zurück. Niemand von uns war darauf vorbereitet, jetzt schon gehen zu müssen. Aber wir müssen dem in die Augen sehen, sagte Parreira, der seinem WM-Triumph von 1994 keinen weiteren hinzufügen konnte. Möglicher Nachfolge-Kandidat ist der frühere Coach von Real Madrid, Vanderlei Luxemburgo.

Vor 48 000 Zuschauern hatten sich die Südamerikaner vor allem von Zinédine Zidane entzaubern lassen. Selbst nach Thierry Henrys Tor zum 1:0 (58.) wirkten sie wie paralysiert. Entgegen aller Beteuerungen im Vorfeld schien das Trauma der erlittenen Endspiel-Niederlage von 1998 gegen die Grande Nation nicht überwunden. Für die Generation der jungen Brasilianer ist das ein ganz neues Gefühl: Die Ballzauberer waren zuletzt 1990 (0:1 im Achtelfinale gegen Argentinien) frühzeitig gescheitert, seit 1994 standen sie in jedem Endspiel.

Die Brasilianer sind vom ersten Spiel an nicht auf Touren gekommen. Es genügt halt nicht, wenn man in jedem Spiel nur fünf oder zehn Minuten gut spielt, urteilte Franz Beckenbauer über den gestürzten Titelfavoriten. Nur zwei Schüsse auf das französische Tor, das war viel zu wenig. Zidane war der Zauberer des Spiels, sagte Pelé. Nachdem Stürmerstar Ronaldo nicht mehr zum dritten Mal nach der WM-Krone und zum zweiten Mal nach dem Goldenen Schuh greifen kann, bleibt Pelé mit drei Titeln der unangefochtene Fußball-König nicht nur in Brasilien.

Ronaldo zeigte sich immerhin als fairer Verlierer. Ich bin sehr traurig und zutiefst enttäuscht über diese Niederlage. Die Franzosen haben einen fantastischen Fußball gezeigt, einen intelligenten Fußball, der unserem überlegen war, sagte der WM-Rekordtorschütze (insgesamt 15 Treffer), der sich nach dem Abpfiff als Erster den Medienvertretern stellte. 2010 in Südafrika will Ronaldo noch einmal einen Anlauf wagen. Es gibt überhaupt keinen Grund aufzuhören, nicht mehr für die Seleçao zu spielen, sagte der 29-Jährige von Real Madrid. Wenn sie mich wollen, stehe ich weiter zur Verfügung.

Wir müssen uns für die Zukunft neu orientieren, forderte Parreira, auch wenn er dabei möglicherweise keine Rolle mehr spielt. Zu viele Fehler hat der Professor gemacht: In der Vorbereitung in Weggis/Schweiz setzte er zu sehr auf Regeneration statt - wie Jürgen Klinsmann beim deutschen Team - seine Spieler auf Hochtouren zu bringen. Ausgerechnet für die Offensive mit den hochgelobten Kaká, Ronaldinho, Ronaldo, Adriano und Robinho fand er nie eine Taktik, mit der die Abteilung Attacke ihre Stärken voll ausspielen konnten. Dazu setzte Parreira auf die Routiniers wie Cafú, Emerson und Roberto Carlos, die den Zenit ihrer Laufbahn längst überschritten haben.

Kapitän Cafú konnte das bittere Ende seines einst glorreichen Teams kaum fassen. Das ist eine schlechte Sensation, klagte der 36-Jährige vom AC Mailand. Der traurigste Moment, den ich mit der Auswahl erlebt habe. Es wäre auch nicht gerecht, Ronaldinho oder Professor Parreira nun zu kreuzigen, sagte er. Ob er zurücktrete? Cafú: Ich möchte jetzt nur heim, um meine Familie zu sehen. Und mich ausruhen. Danach denke ich darüber nach, wie es weitergeht.


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