Berlin - Am Anfang war es eine belächelte Vision, dann ein kühner Traum - aber jetzt ist Jürgen Klinsmann tatsächlich auf WM-Titelkurs und damit in der Kaiser-Spur.
16 Jahre lagen bei Franz Beckenbauer zwischen dem Titelgewinn als Spieler (1974) und als Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft (1990) - genauso wäre es anno 2006 bei Klinsmann: 1990 wurde er unter Beckenbauer Weltmeister als Spieler, 16 Jahre später könnte er nun auch als Coach triumphieren. Wir wollen jetzt noch zwei Spiele gewinnen, sagte Klinsmann; erst das Halbfinale gegen Italien und dann das große Finale gegen Frankreich oder Portugal am 9. Juli in Berlin.
Nach dem gewonnenen Elfmeter-Krimi gegen Argentinien war Jürgen Klinsmann einfach nur stolz - seine eigenen Befindlichkeiten rückte er in den Hintergrund. Es geht nicht um meine Person, das machen alles die Jungs auf dem Platz, erklärte der Bundestrainer. Nach der entscheidenden Parade von Jens Lehmann gegen Esteban Cambiasso waren die Gefühle mit Klinsmann Gassi gegangen, wie er berichtete. Er hüpfte wie ein junges Reh am Spielfeldrand herum, rannte im Arm von Teammanager Oliver Bierhoff zur Jubeltraube um seine Nummer 1, schaute schließlich verträumt seiner Mannschaft bei deren Ehrenrunde zu. Vorher hatte er von einer Katastrophe gesprochen, falls im Viertelfinale der K.o. gekommen wäre. Nun sagte Klinsmann: Unglaublich, was jetzt in Deutschland abgeht.
Seine Titel-Mission, mit der er 2004 angetreten war, lebt. Und Klinsmann lebt sie aus. Die Leute glauben langsam dran, formulierte er ohne Genugtuung. Dabei könnte der Trainer-Neuling schon jetzt auf eine große Runde von Kritikern losgehen, die ihn noch vor wenigen Monaten lieber auf dem Mond statt bei der WM in Deutschland gesehen hätten. Alles, aber auch alles war in Frage gestellt worden, besonders nach dem 1:4 im Freundschaftsspiel am 1. März in Florenz gegen Italien. Noch für die Auswahl seiner 23 WM-Spieler und die Degradierung von Oliver Kahn hatte er Prügel einstecken müssen.
Klinsmann saugt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute des Turniers mit seiner jungen Mannschaft auf. Wir genießen den Augenblick. Es ist fantastisch, wie wir zusammen halten und jeder den anderen anspornt, berichtete der 108-malige Nationalspieler, der sich erst nach der WM entscheiden will, ob er als Bundestrainer weitermacht - zu seinen Bedingungen.
Nur seine engsten Vertrauten wussten von seinem Masterplan, in dem er jedes WM-Detail aufgelistet und vieles schon vorempfunden hatte. Nur wenige hatten an diesen Plan geglaubt. Nur in jenen Momenten, in denen auf dem WM-Rasen um jeden Millimeter gerungen wird, scheint auch der Chef bisweilen machtlos zu sein. Das Sakko zieht er gleich nach der Nationalhymne aus, die er stets mitsingt. Beim Anpfiff hat er die Ärmel seines traditionell hellblauen Hemdes hochgekrempelt.
Klinsmann rudert in seiner kleinen Coaching-Zone mit den Armen, gestikuliert, treibt die Mannschaft nach vorne. Und als Trainer mit einem goldenen Händchen wechselt er Siege ein: Oliver Neuville machte als Joker das 1:0 gegen Polen, Tim Borowski bereitete das 1:1 von Miroslav Klose gegen Argentinien vor. Und Flügelflitzer David Odonkor hat sich als Trumpf erwiesen, nachdem die Nominierung des Dortmunders vor sechs Wochen viele noch für einen WM-Witz gehalten hatten.
Inzwischen kämpft sogar nicht mehr nur DFB-Präsident Theo Zwanziger beinahe Tag und Nacht darum, dass Klinsmann über die WM hinaus Bundestrainer bleibt, mindestens bis zur EM 2008, besser noch bis zur nächsten WM-Endrunde 2010 in Südafrika. Selbst Kritiker schwenken um, aber Klinsmann will den Triumph jetzt sofort. Wir wollen noch mehr, sagte er beschwörend. Am 9. Juli will er zum zweiten Mal nach 1990 den Weltpokal in seinen Händen halten.
Er wäre dann der kleine Kaiser. Und die kaiserliche Spur könnte weitergehen: Beckenbauer ist schließlich auch noch WM-Chef geworden. Klinsmann könnte die Fußball-Weltmeisterschaft 2038 zum dritten Mal nach Deutschland holen - zumindest würde das nach 1974 und 2006 perfekt in den 32-Jahres-Rhythmus passen.
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