Rom - Incredibile! Ganz Italien reibt sich über Jürgen Klinsmann verwundert die Augen. Surflehrer, Konzernvorstand oder Aussteiger - alles hätten sie dem genauso eigenwilligen wie cleveren Paradiesvogel aus Germania zugetraut.
Dass Klinsmann aber Bundestrainer wurde und jetzt gegen Italien im Halbfinale der Weltmeisterschaft steht, ist unglaublich, sagte Corrado Orrico. Wie viele Tifosi spricht Klinsmanns erster Trainer bei Inter Mailand mit großer Sympathie über den blonden Stürmer, der in Italien für seinen Einsatzwillen bewundert, für seine Tore gefeiert, für seinen mitreißenden Jubel geliebt und für seine verstolperten Bälle belächelt wurde.
Schon Anfang der 90er Jahre lernten die Italiener den Schwaben als einen Individualisten kennen, der sich nicht in die üblichen Fußballer-Schubladen zwingen ließ. Klinsmann widersetzte sich schon in der Serie A, in der er nach seinen großen Jahren bei Inter noch ein unglückliches Gastspiel bei Sampdoria Genua gab, den Regeln des Geschäfts. Und solch leise Rebellen lieben die Italiener, die gegenüber jeglicher Obrigkeit skeptisch sind. Eine Liebe, die Klinsmann erwidert: Ich habe viel von Euch gelernt und viele italienische Freunde, sagte Klinsmann vor dem Halbfinale der La Gazzetta dello Sport.
Einige in Italien hatten aber auch ihre Probleme mit dem eigensinnigen Tedesco. Der hatte nichts mit einem Fußballer gemein. Der dachte nicht wie ein Fußballer und der lebte nicht wie ein Fußballer, erzählte Orrico. Nie habe er gedacht, dass Klinsmann auch nur ins Fußballgeschäft zurückkehre, geschweige denn als Trainer. Auf mich wirkte er wie ein Student, erinnerte sich Orrico. Nie habe er ihn ohne Buch gesehen. Auf jeder Fahrt zu den Spielen fragte er mich über die Renaissance aus, wollte alles über Michelangelo, Leonardo da Vinci und Galileo Galilei wissen, erzählte Orrico.
Auch Klinsmanns jetziger Teammanager Oliver Bierhoff hatte beim AC Mailand als Student der Betriebswirtschafts-Lehre einen Exoten-Status. Während Bierhoff aber in den feinsten Palazzi von Mailand als perfekter Schwiegermutter-Typ willkommen gewesen wäre, polarisierte Klinsmann. Mutig nannte er die Flut von Fußball-Shows im italienischen Fernsehen nach dem WM-Boom 1990 lächerlich, während seine Kollegen in die TV-Studios drängten. In dem in Italien als Panzertrio bezeichneten Teutonen-Terzett bei Inter mit Lothar Matthäus und Andreas Brehme gab Klinsmann den Revolutionär.
Italien ist Klinsmann dennoch ans Herz gewachsen und der Deutsche den Italienern. Vor allem in seinem Wohnort Cernobbio am Comersee. Ein bravo ragazzo, ein netter Junge, sei er, sagen sie dort. Er ist ein ganz besonderer Mensch, meinte Ex-Inter-Kollege Paolo Stringara über seinen engen Freund, der geradlinig und unbeugsam sei, dabei aber überhaupt nicht egoistisch. Ich konnte nicht zum Viertelfinale gegen Argentinien kommen, weil ich selbst ein Spiel hatte. Und da fragt mich Jürgen nach dem Elfmeterkrimi in einer SMS, wie es bei mir gelaufen ist, erzählte der Trainer des FC Gerugia ganz gerührt.
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