Dortmund - Die Sperre von Torsten Frings traf Jürgen Klinsmann zum ungünstigsten Zeitpunkt. Ausgerechnet im WM-Klassiker gegen Italien musste der Bundestrainer auf seinen bissigsten Zweikämpfer verzichten, für den er einen weiteren Spezialauftrag vorgesehen hatte.
Nach der überragenden Leistung gegen Argentiniens Spielmacher Juan Román Riquelme, den er auf grandiose Weise ausgeschaltet hatte, wie Klinsmann schwärmte, sollte Frings in Dortmund eigentlich Italiens Regisseur Francesco Totti die Lust am Spiel verderben. Der Auftrag platzte jedoch schonkurz nach der Landung der deutschen Nationalmannschaft auf dem Dortmunder Flughafen mit dem Urteil der Disziplinarkommission des Fußball-Weltverbandes (FIFA).
Vielleicht war es einfach nur eine Retourkutsche der FIFA-Oberen für den Balldieb Frings. Der deutsche Nationalspieler hatte nach dem WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München schließlich rotzfrech den Spielball als Andenken aus dem Stadion geschmuggelt, was streng verboten ist, aber andere Akteure prompt zur Nachahmung animierte. Vor dem Halbfinale belegte die Disziplinarkommission den langhaarigen Provokateur und zugleich Klinsmanns wichtigen Zweikämpfer auf Grund von TV-Bildern wegen einer Tätlichkeit an dem Argentinier Julio Cruz für den Halbfinal-Hit gegen Italien.
Das Urteil löste bei den Klinsmännern Empörung und Unverständnis aus. Denn Frings sah sich bei den Handgreiflichkeiten mit Cruz nicht als Täter, sondern vielmehr als schuldloses Opfer. Erfreut war er natürlich nicht, sagte Team-Manager Oliver Bierhoff in bewusster Untertreibung über die Reaktion des gesperrten Bremers, aber die gesamte Mannschaft war überrascht, weil eigentlich die Argentinier provoziert hatten. Diesen Umstand hob auch der verärgerte Klinsmann besonders hervor. Die Tumulte nach dem Elfmeterschießen seien allein von den Argentiniern ausgegangen, wir waren nur die Reagierenden.
Der Ausfall von Frings im Halbfinale stellte den Bundestrainer vor ein ähnliches Problem wie seinen Vorgänger Rudi Völler 2002 in Asien. Damals musste Michael Ballack wegen einer Gelb-Sperre im Finale gegen Brasilien (0:2) zuschauen. Frings präsentiert sich bei seiner zweiten WM-Teilnahme in bestechender Form. Er hat die Zweifel an seiner internationalen Klasse auf der extrem wichtigen Sechser-Position in beeindruckender Weise ausgeräumt. Ein sehr, sehr starkes Spiel, bescheinigte ihm selbst Kapitän Ballack nach dem Argentinien-Match, in dem Frings über 120 Minuten der beste deutsche Spieler war. Das 57. Länderspiel war wohl sein bestes überhaupt.
Erst im Alter von 24 Jahren debütierte Frings am 27. Februar 2001 beim 0:1 in Paris gegen Frankreich in der DFB-Auswahl. Als rechter Verteidiger avancierte der gelernte Stürmer unter Teamchef Völler bei der WM 2002 zur festen Größe. Ein Kreuzbandriss während seiner Zeit bei Borussia Dortmund warf ihn im Jahr 2003 nur vorübergehend zurück. Seine Lieblingsposition vor der Abwehr wurde bis zum EM-Debakel 2004 von Dietmar Hamann blockiert, erst Klinsmann vollzog anschließend die Wachablösung. Trotzdem sah sich Frings noch zu WM-Beginn mit Zweifeln an seinen strategischen Fähigkeiten konfrontiert, die er aber mit starken Leistungen verstummen ließ. Er gab der Defensive Halt und stellte mit unverhohlener Genugtuung fest: Das Gelaber von der schlechten Abwehr hat aufgehört.
Mit seinen langen Haaren und den Tattoos auf beiden Oberarmen ist Frings rein äußerlich der harte Kerl in Klinsmanns softer Boy-Group. Im Fuhrpark seines Hauses in Lilienthal, einem ländlichen Vorort von Bremen, stehen passend dazu eine Harley-Davidson und ein Hummer, ein PS-strotzender amerikanischer Geländewagen. Zur harten Schale kommt aber ein weicher Kern. In der kühlen Profi-Welt des FC Bayern München kam ausgerechnet er nicht zurecht. Nach nur einer Saison flüchtete Frings zurück in den unaufgeregten Bremer Alltag. In Klinsmanns Wohlfühl-Oase beweist der Familienvater aber nun, dass er sich auch im Rampenlicht durchsetzen kann: Ich weiß, dass ich meinen Job in dieser Mannschaft richtig gut erledige. Gegen Italien durfte er das leider nicht.
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