Wolfsburg - Vor der Bar Azzuri in Wolfsburg, wenige Stunden vor dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien: Filippo Parlacino, Antonio Campisi, Fabio Colbone und einige andere Männer warten auf das Spiel der Spiele.
Partien zwischen Italien und Deutschland sind immer etwas besonderes gewesen, sagt Parlacino. Wer ins Finale einzieht, daran besteht für die Fans kein Zweifel. Italien wird gewinnen, lacht Filippo. In Wolfsburg sind viele Einwohner dieser Meinung - gilt die VW-Stadt doch als größte Italiener-Kolonie nördlich der Alpen.
Vor dem Anpfiff zeigen sich die Tifosi in der Bar Azzuri als wahre Sportsleute: Das ist nur Sport, wenn einer verliert, dann verliert einer - da muss man keinen Krieg machen, meint Campisi. Die Männer sind sich einig, dass es am Abend spannend und auch laut wird - an eine gewaltige Auseinandersetzung aber glauben sie nicht. Höchstens ein paar paar Betrunkene könnten, unabhängig von ihrer Nationalität, Streit anfangen.
Luigi Beato aus der benachbarten Bar del Sud ist da etwas skeptischer. Ich lebe seit 1968 hier, wir teilen uns alles mit den Deutschen, ich selbst habe deutsch-italienische Kinder - aber beim Fußball..., sagt er. Eigentlich hat er gehofft, dass eine der beiden Mannschaften rausfliegt, nun hofft er, dass bei den Fans beider Seiten die Intelligenz gewinne und es keinen Streit gebe.
Es wird Spannungen geben, einer wird austicken - ob nun ein Italiener oder ein Deutscher anfängt, befürchtet Andrea Müller, Kellnerin im Café d`Niru gegenüber dem Technikmuseum Phaeno. Dort wurden für den Abend mehrere tausend Fans erwartet, um das Spiel auf Großleinwänden zu beobachten
Es wird lebhaft werden, aber wir hoffen, dass alles friedlich abläuft, sagt Polizeisprecher Klaus-Dieter Stolzenburg vor dem Spiel. Deutsche und italienische Bürger leben in herzlicher Verbundenheit in Wolfsburg. Das schließt die sportliche Konkurrenz nicht aus. Aber Wolfsburg kann nur gewinnen: Entweder der deutsche oder der italienische Teil, sagt Oberbürgermeister Rolf Schnellecke (CDU). Natürlich schlägt mein Herz für Deutschland, aber ich trauere auch mit unseren italienischen Mitbürgern, wenn Italien verliert.
Seit Mitte der 50er Jahre sind viele tausend Italiener nach Wolfsburg gekommen, um bei Volkswagen einen Job zu finden. Heute leben rund 5500 Menschen italienischer Abstammung in der 120 000 Einwohner zählenden Stadt. Sie haben auch ein Stück italienische Lebensart und Kultur nach Wolfsburg gebracht. Das Italienische Kulturinstitut bietet neben Sprachkursen zahlreiche musikalische und andere Veranstaltungen an, seit langem gibt es eine deutsch- italienische Schule. Die Auswahl an italienischen Eisdielen und Lokalen ist noch größer als in anderen Städten, es gibt eine Piazza Italia mit vielen italienischen Geschäften.
Eine typische Wolfsburger Familie ist die des 61-jährigen Giovanni Ciuffreda. Er ist 1965 aus Süditalien nach Niedersachsen gekommen, um bei VW zu arbeiten. Seine Frau Maria und die zwei Kinder kamen einige Jahre später nach. Ich war acht Jahre alt, erinnert sich die Tochter Maria Antonietta. Es sei nicht einfach gewesen, die deutschen Kinder hätten sie geschnitten. Bei ihrem Mann Michele Scarati sei das anderes gewesen, er sei in einem Viertel mit fast nur Italienern aufgewachsen. Für die drei Kinder Patrizia, Antonio und Miriam ist das alles Vergangenheit, sie fühlen sich voll integriert. Das Halbfinale wollte sich die Familie zu Hause anschauen, in der Stadt sei es ihnen zu trubelig. Für alle drei Generationen gilt uneingeschränkt: Wolfsburg ist unsere Heimat - und Italien soll gewinnen.
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