Berlin - Enttäuschung statt Euphorie: Auf den WM-Festen ist die grandiose Partystimmung der Traurigkeit gewichen. Die 0:2-Niederlage der Nationalelf gegen Italien im dramatischen Halbfinale von Dortmund stürzte die mitfiebernden Massen in die Tristesse.
Dabei hatten drei Millionen Menschen auf den Fanmeilen noch lange unverzagt den WM-Hit Nummer eins gesungen: Fii-naa-lee, ooo-hoo, Fii-naa-lee! Doch nach dem Treffer der Squadra Azzurra zum 0:1 kurz vor Ende der Verlängerung breiteten sich vor den Großbildleinwänden Entsetzen und Stille aus, manche weinten. Die Fans in Schwarz-Rot-Gold müssen erstmals ein ganz anderes WM-Gefühl verkraften - der große Traum vom Endspiel ist vorbei.
Am Ende war alles Zittern, Bangen und Anfeuern vergebens. Vor den Leinwänden schlugen bunt kostümierte Schlachtenbummler die Hände vors Gesicht. Dabei hatten sie das Team einmal mehr weltmeisterlich unterstützt.
Beim Daumendrücken hielt es Millionen Menschen nicht zu Hause. Biergärten, Lokale und Kneipen in der ganzen Republik waren rappelvoll. Der Spielort Dortmund verwandelte sich in ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold: Mehr als 250 000 Menschen pilgerten in die Stadt, um dem Schlagerspiel so nah wie möglich zu sein - einen solchen Ansturm gab es in der fußballbegeisterten Westfalen-Metropole nie zuvor. Noch kurz vor dem Anpfiff irrten viele auf der Suche nach einem Bildschirm durch die Straßen. Die öffentlichen Übertragungs-Plätze waren wegen des Andrangs von 71 000 Fans längst geschlossen.
Auch in anderen Städten platzten Fanfeste aus allen Nähten - der massivste Fanblock stand wieder in der Hauptstadt. Auf der bundesweit größten Partymeile fieberten laut Senat eine Million Menschen mit. Um den Andrang zu bewältigen, war das Areal eigens um zwei zusätzliche Videowände erweitert worden. Eine 80-jährige Berlinerin ging für den historischen Moment auf Nummer sicher und platzierte sich schon acht Stunden vor dem Anpfiff ganz vorn am Brandenburger Tor. Deutschland gewinnt, lautete ihre Prognose - am Ende lag sie falsch. Die Kontrolleure an den Eingängen waren besonders aufmerksam, nachdem am 2. Juli ein Amokfahrer durch die Absperrung gerast war und 26 Menschen verletzte.
Auch in Stuttgart, Köln und Leipzig waren die Fanfeste wegen des Andrangs der Zehntausenden schon am frühen Abend komplett dicht. In Hamburg sangen sich rund 70 000 Fußballfans auf dem Heiligengeistfeld in Stimmung. Einige tausend, die nicht mehr hereinpassten, konnten auf eine weitere Leinwand an der Reeperbahn ausweichen. In Frankfurt drängten sich 60 000 Fans vor den drei Riesenbildschirmen der Main-Arena. Im WM-Stadion verfolgten 35 000 gebannt die Bilder auf dem abgesenkten großen Videowürfel. Die Stimmung ist gigantisch, rief der 27-jährige Marco Rickert. Über die Ränge schwappten da noch La-Ola-Wellen der Vorfreude. Der 45-jährige Italiner Nonzio schwenkte eine Fahne und sagte voraus: Wir schießen die Deutschen aus dem Stadion.
Eingehüllt in schwarz-rot-goldene Fahnen, mit großen Hüten oder Nationaltrikots waren Anhänger der deutschen Elf aber fast überall in der Mehrzahl. Ausgerechnet in München, das sich gern als nördlichste Stadt Italiens bezeichnen lässt, strömten die Fans aber zunächst nur zögerlich auf die Public-Viewing-Areale. Zum Anpfiff zählte die Polizei dann aber 50 000 Menschen. Erstmals eroberte König Fußball sogar die Theresienwiese - auf dem Oktoberfestgelände lief eine WM- Übertragung.
Für Polizei und Hilfskräfte brachte der WM-Klassiker bundesweit erneut einen Großeinsatz: Allein in Berlin waren 6000 Polizisten im Einsatz. Größere Zwischenfälle gab es vor und während des Spiels aber zunächst nirgendwo. Auch Feindseligkeiten zwischen Anhängern beider Seiten wegen des Wirbels um die Sperre des deutschen Spielers Thorsten Frings meldeten die Behörden zunächst nicht. In der Hitze mussten aber manche Schlachtenbummler von Sanitätern behandelt werden.
Hochburgen der Tifosi waren vielerorts italienische Restaurants und Eiscafés. Denn die Kicker um Totti, Toni und Co. haben viele Fans in Deutschland, wo rund 500 000 Italiener leben. Mitgezittert wurde unter anderem in Bars der Volkswagenstadt Wolfsburg, die mit 5500 Menschen italienischer Abstammung als größte Italiener-Kolonie in der Bundesrepublik gilt. Eine Kellnerin in einer Pizzeria mochte beim Servieren mit schwarz-rot-goldenem Ohrschmuck aber keine Rücksicht auf ihren Chef nehmen: Das ist mir egal, ich bin Deutsche.
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