Berlin - Schock und Trauer waren gestern. Am Tag nach dem geplatzten Traum vom deutschen WM-Finale keimte auch in Berlin neue Zuversicht bei den Fans. Die Hauptstadt trug weiter Schwarz-Rot-Gold, Fahnen flatterten an Autos und Häusern wie zuvor.
Obwohl das 2:0 für die Italiener die Fußball-Enthusiasten in tiefe Verzweiflung gestürzt hatte, meinte der 16-jährige Tim aus Berlin entschlossen: Die Party ist jetzt nicht zu Ende. Ich werde Deutschland auch beim Kampf um Platz drei unterstützen. Auf Deutschlands Fußballmeile Nummer eins am Brandenburger Tor hatten Veranstalter und Händler schon den Samstag fest im Blick, wenn die Klinsmann-Elf in Stuttgart spielt. Wir rechnen wieder mit vielen, vielen Fans, sagte eine Mitarbeiterin des Senats. Zur erweiterten Meile könnten wieder rund 900 000 Anhänger kommen. Die Fans werden wieder strömen. Platz drei oder vier für die Deutschen ist ja auch nicht schlecht, fand Imbissverkäufer Michael Hehr.
Der 52-Jährige zeigte sich sehr erleichtert, dass es auf der Meile trotz Frust und Enttäuschung so friedlich ablief und Schlägereien weitgehend ausblieben. Die Berliner Polizei, die mit rund 6000 Beamten im Einsatz war, vermeldete 45 Festnahmen, drei Festgenommene hatten den Hitler-Gruß gezeigt. Nach der Amokfahrt eines 33-Jährigen vom 02. Juli mit 26 Verletzten waren die Einsatzkräfte froh, dass sich die Fans so weltmeisterlich fair verhielten.
So lange hatten die bunt geschmückten und dicht gedrängten Fans mitgefiebert, mitgezittert, und dann doch bitter verloren. Dabei hatten rund eine Million Menschen auf der Meile die deutsche Mannschaft auch in der Verlängerung immer wieder angefeuert und bis zum Schluss an ein glückliches Ende geglaubt.
Viele Menschen hatten Tränen in den Augen, schlugen die Hände vors Gesicht oder lagen sich stumm in den Armen. Als auf den Videowänden nach dem Schlusspfiff der Spruch erschien: Ihr seid die Champions unserer Herzen, brandete noch einmal verzweifelter Beifall auf. Aber trotz der herben Enttäuschung zogen die meisten schnell von der Meile. Schade, jetzt müssen wir wieder vier Jahre warten, war in der Menge mit Blick auf die nächste Fußball-WM hören.
Die 18-jährige Emily aus Australien, die zum Schüleraustausch in Mecklenburg-Vorpommern ist, hatte für ihr Gastland Deutschland mitgefiebert und sich mit schwarz-rot-goldenen Söckchen ausstaffiert. Wir feiern trotzdem weiter, rief sie. Auch eine 80-jährige Berlinerin, die Stunden vor Anpfiff auf die Meile gekommen war, trug es mit Fassung. Der 51-jährige Peter Wanke aus Stendal in Sachsen- Anhalt meinte: Große Trauer - die Deutschen haben aber trotzdem gut gespielt bei dieser WM. Und noch vor einem halben Jahr hätte ich auf die deutsche Mannschaft keinen Pfifferling gesetzt.
Fahnen, Hüte und Trikots hatten die Meile zunächst hoffnungsvoll in Schwarz-Rot-Gold getaucht. Die weibliche Fangemeinde trug bei fast tropischen Temperaturen die Nationalfarben auch als Minikleid, Rock oder Bikini-Oberteil. Als die deutschen Hoffnungen zerstoben waren, erklangen Rufe an die Adresse der Sieger: Ihr seid nur ein Pizzalieferant. Wildfremde Menschen trösteten sich gegenseitig. Und rund 100 Unterstützer harrten vor dem Quartier der Nationalelf bis kurz vor 03.00 Uhr aus, um die Rückkehr der Mannschaft zu feiern.
Italienische Schlachtenbummler wurden nur vereinzelt auf der Meile gesichtet. Viele feierten in ihren Stammrestaurants. Diesmal waren es die italienischen Fans, die mit einem Autokorso am Kurfürstendamm ihren Sieg feierten. Andrea Fusaro, der seit 46 Jahren in Berlin lebt, sah den Halbfinalsieg seiner Landsleute mit einem lachenden und einem weinenden Aue. Wir haben das verdient. Ich freue mich, zolle den Deutschen aber ein großes Lob, sagte der ehrenamtliche Berlin- Koordinator des Nationalen Olympischen Komitees Italiens. Die Deutschen haben mit dieser WM so positive Signale gesetzt.
Berlin hat mit seiner Fanmeile kühnste Prognosen übertroffen. Mehr als sieben Millionen Fußball-Enthusiasten kamen bereits. Zwei Mal wurde die Meile wegen des Massenandrangs nachgerüstet, so dass am Dienstag vor elf Videowänden mitgefiebert werden kann.
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