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Tifosi zwischen Ekstase und tiefer Sorge | 2006-07-05


Rom - Selbstbewusst sind sie, die Italiener. Wir sind groß, und wir wussten es, titelt eine Mailänder Sportzeitung am Tag danach. Auch Marco, der Mann an der römischen Cafébar, sieht das so ähnlich: Wir gewinnen immer, gegen Deutschland immer. Und am Sonntag in Berlin.

Das klingt nach stolz geschwellter Brust, doch dann fügt der junge Mann etwas Nettes hinzu, hintersinnig und ironisch: Aber ihr Deutschen mögt uns doch noch - uns Italiener und unsere Pizza? So liebevoll können Tifosi sein.

Festa Italiana, Freudentaumel, Ekstase - der 2:0-Sieg hat ein ganzes Land in Euphorie versetzt. Kaum war in Dortmund die Zitterpartie zu Ende, tanzten die Tifosi von Mailand bis Palermo auf den Straßen. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, 50 000 Fans verwandelten den Platz vor dem Mailänder Dom in ein Fahnenmeer, in Rom zog ein Autokorso am angestrahlten Kolosseum vorbei. Wo sonst kann man vor solch grandioser Kulisse feiern?, staunt ein junger Deutscher. Seit Jahren hat Italien nicht mehr eine solche Hochstimmung erlebt.

Flieg, Italien, flieg, titelt die Gazzetta dello Sport in Balkenlettern. Wir lieben Euch - die blauen Löwen im Finale, jubelt eine Konkurrenzzeitung. Und ein Intelligenzblatt aus Rom meint schlicht und ergreifend: Historisches Italien.

Doch die Freude ist getrübt, das fußballerische Hochgefühl hat einen bitteren Beigeschmack: Just am Tage des großes Sieges schob sich auch der hässliche Fußball-Skandal wieder ins Bewusstsein der Tifosi. Ausgerechnet fünf der besten und größten Vereine - darunter Juventus Turin, AC Mailand und Lazio Rom - droht wegen mutmaßlicher mafioser Manipulationen der Zwangsabstieg.

Dunkler könnten die Wolken am Fußball-Himmel gar nicht sein, der Mega-Skandal vergällt den Siegestaumel: Der verrückteste Tag, kommentiert die römische Zeitung La Repubblica: Die ersten zehn Seiten widmet das Blatt dem Fußball - nicht dem Sieg in Dortmund, sondern dem Skandal in Rom. Der Sieg von Dortmund kommt erst danach.

Schon kursieren Gerüchte, der Marktwert der Star-Spieler aus den angeklagten Vereinen sei ins Trudeln geraten. Ausgerechnet die besten Spieler der Squadra Azzurra kommen vom Hauptangeklagten Juve: Super-Torwart Gianluigi Buffon, Gianluca Zambrotta, Fabio Cannavaro, Mauro Camoranesi. Die Folgen für den italienischen Vereinsfußball sind nicht absehbar. Addio ihr alten Träume, eine ganze Epoche geht zu Ende, meint ein Kommentator.

Freud und Leid liegen derzeit bei den Azzurri wie bei den Tifosi nahe beieinander. Von Anfang an stand die WM für Italien unter diesem ganz besondern Stern: Man will den Skandal zu Hause vergessen machen, sozusagen eine Ehrenrettung für den italienischen Fußball erreichen. Trainer Marcello Lippi nennt das so: Wir haben den Enthusiasmus unseres Landes wieder erweckt.

Und Überhaupt: Die Zeit ist überreif für einen italienischen Titelgewinn. Ob WM oder EM - seit Jahrzehnten haben die Italiener vor allem Pannen und Pleiten erlebt. Bei der WM 2002 schieden sie viel zu früh gegen Südkorea aus; der Abgang wurde fast als nationale Schande empfunden. Zwei Jahre später, bei der EM in Portugal, kamen sie nicht über die Vorrunde hinaus. Den letzten großen Titel holte die Nationalmannschaft bei der WM 1982 - der Finalgegner hieß damals übrigens Deutschland. Marco, der Mann aus der römischen Cafébar, hat in Erwartung weiteren Fußball-Glücks schon mal etwas Deutsch gelernt, sein erster ganzer Satz in einer Fremdsprache heißt: Wir fahren nach Berlin.

Allzu begeistert haben Italienische KFOR-Friedenssoldaten im Kosovo in der Nacht den Sieg ihrer Mannschaft gefeiert. Die im nördlichen Dorf Bici stationierten Italiener gaben Freudenschüsse aus ihren Waffen ab und verursachten dadurch Panik bei den dort lebenden Serben. Diese vermuteten, dass es sich um einen Angriff albanischer Extremisten handelte, meldete die Belgrader Nachrichtenagentur Tanjug.


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