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Perfekte Dramaturgie für Festa Italiana | 2006-07-05


Dortmund - Mit Beginn der Festa Italiana wurde im Anschluss an das dramatische 2:0 im WM-Halbfinale der Squadra Azzurra über Deutschland selbst aus Romano Prodi ein leidenschaftlicher Tifoso.

Zum Leidwesen der Personenschützer hielt es den ansonsten wenig impulsiven italienischen Ministerpräsidenten nicht länger in der Ehrenloge. Überschwänglich feierte er inmitten der Fans den sechsten WM-Finaleinzug der Italiener - von ministerieller Zurückhaltung keine Spur. Seine Ansprache in der Spielerkabine ging im lauten O sole mio-Gesang der Profis unter. Wir haben kein Wort verstanden, gestand Regisseur Francesco Totti, dafür waren wir einfach zu laut.

Prodis Dank für die perfekte Dramaturgie mit den Last-Minute-Treffern von Fabio Grosso (119.) und Alessandro del Piero (120.+1) dürfte vor allem Marcello Lippi gegolten haben. Dessen Mut zu einer für italienische Verhältnisse fast revolutionären Offensivtaktik wurde belohnt. Der anschließende Blick in die verblüfften Gesichter der heimischen Journalisten bereitete dem Fußball-Lehrer sichtliches Vergnügen. Lächelnd erklärte er seine forsche Maßnahme: Die Elfmeter-Lotterie wollten wir unbedingt vermeiden. Wir hatten noch Pfeile im Köcher, die haben wir gezogen.

Die Einwechslung der beiden Offensivkräfte Vincenzo Iaquinta (91.) und del Piero (104.) entpuppte sich als genialer Schachzug. Ich musste mir das Spiel sofort nochmal anschauen und war begeistert, sagte Lippi nach nur nur zwei Stunden Schlaf. Das war der wichtigste Sieg meiner Karriere, meinte der Coach. Trotz widriger Begleitumstände wahrte das azurblaue Kollektiv die Chance auf den vierten WM-Titel: Weder das noch in den kommenden vier Tagen anstehende erste Urteil im heimischen Fußball-Skandal, noch die brodelnde Atmosphäre im Stadion oder die durch die Sperre von Torsten Frings erhöhte Brisanz des WM-Klassikers zeigten Wirkung. Urplötzlich verzogen sich die grauen Wolken über dem italienischen Fußball-Himmel. Wir haben einer Nation den Enthusiasmus zurückgegeben. Jetzt müssen wir das Werk nur noch vollenden, schwärmte Lippi.

Italiens Nationalspieler wollen Lippi unbedingt als Coach behalten. Wir hoffen, Lippi bleibt, sagte Kapitän Fabio Cannavaro. Der Vertrag des 58-Jährigen läuft am 15. Juli aus. Vor und während der WM hatte Lippi die Angebote des italienischen Fußballverbands (FIGC) zur Vertragverlängerung mehrfach abgelehnt. Darüber spreche ich bis zum Ende der WM nicht, sagte Lippi . Jetzt müsse er erstmal sein Werk vollenden, sagte Lippi nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland.

Selbst die Aussicht auf einen Zwangsabstieg in die 2. oder gar 3. italienische Liga, von der über die Hälfte der Nationalspieler betroffen wären, konnte die Freude über den verdienten Sieg nicht trüben. Nur beiläufig ging Edeljoker del Piero, der sein Geld beim ins Fadenkreuz der Ermittler geratenen Rekordmeister Juventus Turin verdient, auf die harten Forderungen von Chef-Ankläger Stefano Palazzi ein: An einem solchen Tag ist es eine Genugtuung zu zeigen, was für großartige Profis bei Juve spielen.

Es passt in das Bild von einer verschworenen Einheit, dass nicht ein Star wie Totti, sondern ein bisher auf der Weltbühne eher unbekannter Akteur wie Grosso (US Palermo) für den Sieg sorgte. Der vermeintlich größte Schwachpunkt im Team avancierte mit seinem platzierten Schuss gegen konsternierte Deutsche zum Matchwinner. Flieg, Italien, flieg. Grosso-Del Piero: Azzurri im Finale, Delirium auf allen Plätzen. Cannavaro, Kaiser von Deutschland, jubelte La Gazzetta dello Sport.

Der Glaube an die eigene Stärke ist mit dem insgesamt dritten WM-Sieg über eine deutsche Mannschaft gewachsen. Die ganze Welt hat gesehen, wie stark wir sind, tönte Angreifer Luca Toni. Die Zuversicht kommt nicht von Ungefähr: Noch kein Gegner konnte die beste Abwehr um Manndecker Fabio Cannavaro und Torhüter Gianluigi Buffon im bisherigen Turnierverlauf überwinden. Der bisher einzige Gegentreffer ging auf die Rechnung von Cristian Zaccardo, der im Gruppenspiel gegen die USA ins eigene Netz traf.

Bis zum Tag vor dem Finale wollen die Italiener in ihrem vertrauten Duisburger WM-Quartier verweilen, ehe sie die Reise zum Finale nach Berlin antreten. Die Aussicht auf den krönenden Abschluss seiner Karriere versetzt Spielmacher Totti schon Tage zuvor in Hochgefühle: Wir sind dabei, Fußball-Geschichte zu schreiben, sagte der Römer, der seine Nationalmannschafts-Karriere nach Angaben von Lippi in Berlin mit 90 prozentiger Sicherheit beenden wird.


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