Dortmund - Der zum Greifen nahe Traum vom WM-Finale war für Michael Ballack gerade zum zweiten Mal brutal geplatzt - da kannte die Enttäuschung keine Grenzen. Minutenlang hockte der Kapitän nach dem 0:2 mit leerem Blick am Rande des Mittelkreises.
Der 29 Jahre alte Mittelfeldstar versuchte die Fassung zu wahren, doch als Bundestrainer Jürgen Klinsmann seinem Führungsspieler vom Boden aufhalf und ihn in den Arm nahm, flossen bei Ballack die Tränen. Wie vor vier Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Asien endeten auch dieses Mal die Hoffnungen auf das persönliche Endspiel im Halbfinale - zwei späte Tore in der Verlängerung gegen Italien versetzten Ballack den schwersten Tiefschlag seiner Karriere.
Wenn man so weit kommt, dann will man ins Finale. Und wenn man dann nicht dabei ist, ist das doppelt bitter, stammelte Ballack, der noch lange nach dem K.o.-Schlag um Haltung rang. Verstört schlurfte er in Adiletten durch die Interview-Zone des Dortmunder Stadions und kämpfte um seine Antworten ähnlich aufopferungsvoll wie zuvor 120 Minuten auf dem Platz. Die Mannschaft hat großartig gespielt. Das haben wir nicht verdient, so spät ein Tor zu bekommen, flüsterte Ballack mit glasigen Augen. Bei seinen Ausführungen musste er schlucken und hatte Mühe, vor der Journalisten-Schar nicht einfach draufloszuheulen wie ein kleiner Junge.
Vor vier Jahren hatte Ballack die deutsche Mannschaft mit dem 1:0- Siegtor und einem Not-Foul gegen Südkorea ins Finale gebracht, wo er gegen Brasilien (0:2) dann gelb-gesperrt zum Zuschauen verdammt war. Bei der Heim-Weltmeisterschaft präsentierte sich Ballack jetzt als echter Führungsspieler und steckte zum Defensiv-Wohl der Mannschaft auch die eigenen geliebten Offensiv-Ambitionen zurück. Er stopfte Löcher in der Abwehr, kämpfte bis zum Umfallen, gab die Kommandos, auch wenn ihm am Ende die letzte Kraft und Frische fehlten. Auf und neben dem Platz präsentierte sich der künftige Akteur des FC Chelsea als großer Spieler, den der ungestillte Drang nach einem großen Titel trieb. Vergeblich.
Ballack stieg in den Wochen von München, Berlin und Dortmund zwar in die Kapitäns-Prominenz des DFB auf, die von Fritz Walter über Franz Beckenbauer bis hin zu Lothar Matthäus und Klinsmann reicht. Aber um ganz dazuzugehören, fehlt ihm ein internationaler Titel. Vier Mal deutscher Meister, drei Mal DFB-Pokal-Sieger - doch außerhalb Deutschlands reichte es bisher nicht zum Triumph. Im Champions-League-Finale 2002 scheiterte er mit Bayer Leverkusen, als Zuschauer wurde er wenige Wochen später Vize-Weltmeister. Auch diesmal wurde die Sehnsucht nicht erfüllt. Es soll halt nicht sein, bemerkte Ballack betrübt. Er weiß genau: Mit 29 Jahren rennt ihm auf der Jagd nach dem ganz großen Glück die Zeit davon.
Die Fans haben uns trotzdem gefeiert. Das spricht für unsere gute Leistung, mühte sich der Mittelfeldakteur um Normalität. Doch auch der aufmunternde Beifall der Anhänger in Schwarz-Rot-Gold konnte die hängenden Mundwinkel des Mittelfeldchefs nur kurzzeitig straffen. In erster Linie will man ins Finale, klagte Ballack. Bei seiner Ankunft im Mannschaftshotel in Berlin kurz vor 3.00 Uhr zwang er sich in rotem Polo-Shirt und schwarzer Trainingshose zu einem kurzen, gequälten Lächeln in die Kameras, bevor es in eine unruhige Nacht ging. Denn immer wieder geisterte dem Kapitän wohl auch die Szene aus der 82. Minute durch den Kopf: Bei einem Freistoß aus 19 Metern hatte ausgerechnet er sein erstes Tor bei dieser WM und damit den möglichen Final-Einzug vergeben.
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