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Blatter bedauert deutsches Aus | 2006-07-05


Berlin - Mitleid mit dem Gastgeber, Begeisterung über die beste WM und neue Bescheidenheit beim Thema Kommerz: Für Joseph Blatter hat der Fußball mit der WM in Deutschland einen Höhe- und Wendepunkt erreicht.

Nach der Halbfinal-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien empfand der FIFA-Präsident zunächst vor allem Bedauern. Ich habe das Gefühl, da ist etwas gestoppt worden, sagte der Chef des Weltverbandes in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur .

Nach fünf Wochen in dieser Begeisterung identifiziert man sich. Ich kann verstehen, dass man trauert, aber man sollte auch sagen Bravo, das ist eine großartige Leistung. Der tollen Stimmung werde dieskeinen Abbruch tun. Heute gibt es vielleicht einen Abfall der Stimmung, aber ein Finale ist immer eine Sache mit riesengroßer Begeisterung.

Sein Urteil über die 18. Weltmeisterschaft steht sowieso fest: Das ist die beste WM, nicht fußballerisch außerordentlich, aber vom Gesamtbild und der integrativen Kraft, sagte Blatter. Ich wäre mit mir selbst in Konflikt, wenn ich weniger loben würde. Bei der WM sei mit den Fan-Festen und dem Public-Viewing ein Ambiente geschaffen worden, das weltweit Wellen geschlagen habe. Selbst in Kanada waren die Fernseh-Einschaltquoten höher als bei denen der Spiele der nordamerikanischen Eishockey-Liga, so Blatter, der auch von der perfekten Organisation beeindruckt ist. Die Messlatte liegt jetzt sehr hoch, sagte er mit Blick auf die WM 2010 in Südafrika.

Einen Gipfelpunkt hat nach seiner Ansicht die Kommerzialisierung der WM erreicht. Die FIFA sollte mit ihrer Super-Veranstaltung WM nicht alles wegnehmen, was auf dem Markt ist, erklärte der 70 Jahre alte Schweizer. Es dürfe in diesem Bereich nicht mehr um maximieren sondern optimieren gehen. Da müssen wir mit Fingerspitzengefühl rangehen und sehen, was dem Fußball gut tut. Eine Konsequenz aus der neuen Strategie sei die Reduzierung der offiziellen FIFA-Partner von 15 auf sechs Sponsoren.

Eine wichtige Rolle in der zukünftigen FIFA-Arbeit würde Blatter gerne Franz Beckenbauer, dem deutschen WM-Organisationschef, übertragen. Beckenbauer wäre in der FIFA-Regierung ein Gewinn, denn wir brauchen Fußballer, meinte er und lobte seinen Kollegen, Freund und ab und zu Komplizen in höchsten Tönen: Er hat in einer nicht klassischen, aber großartigen Form gezeigt, wie man ein OK führen und motivieren kann. Er führt mit gutem Beispiel und Charisma. Als sein Nachfolger käme der Kaiser jedoch nicht in Frage. Ich denke, dass er die Fähigkeiten hat, FIFA- oder UEFA-Präsident zu werden. Doch mit so vielen Werbeverträgen kann man den Posten nicht übernehmen.

Nicht spurlos vorbei gegangen ist an dem FIFA-Präsidenten die von Politikern geführte Kontroverse um die nun doch erfolgte Zuerkennung des Bundesverdienstkreuzes an und die Pfiffe in den Stadien gegen ihn. Was mich betroffen gemacht hat, sind Kritiken, die meine Person betreffen. Das berührt mich, sonst würde ja mit mir etwas nicht stimmen, bekannte Blatter. Ich habe aber nicht gesagt, ich muss eine Auszeichnung haben.

Kritisch beurteilt er das Niveau der WM-Spiele, das stark von der Taktik der Trainer bestimmt und begrenzt wurde. Die Stars haben keinen Platz mehr zum Spielen, weil die Räume enger werden, stellte Blatter fest. So sei ein Ronaldinho nicht zum Zuge gekommen, weil seine beim FC Barcelona bewunderte Klasse so nicht zur Entfaltung gekommen sei. Bei Argentinien sei Jung-Star Lionel Messi kaum eingesetzt worden, und der Engländer Wayne Rooney habe sich mit seiner Roten Karte selbst ins Abseits getreten. So warten wir immer noch auf einen Star, meinte er, verwies zugleich aber auf eine Ausnahme. Doch dann kommt wie ein guter französischer Wein der Zinedine Zidane und wird im Alter immer besser.

Mit Besorgnis blickt er auf den italienischen Fußball-Skandal, in dessen Zug nicht nur Rekordmeister Juventus Turin der Zwangsabstieg droht. Die Anklage ist eine harte Angelegenheit und wird nicht nur Italien erschüttern, sagte Blatter. Die FIFA würde nun die Urteile abwarten, dann das Exekutivkomitee zusammenrufen und beraten, ob ein Eingreifen notwendig sei. Wir dürfen es nicht nur beobachten, warnte er.


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