Duisburg - Marcello Lippi findet in diesen Tagen nur schlecht Schlaf. Selbst Stunden nach dem denkwürdigen Sieg über Deutschland wollte die Anspannung nicht weichen. Bis fünf Uhr in der Früh sah sich der italienische Nationaltrainer die furiosen 120 Minuten nochmals auf Video an.
Auch eine Nacht später brannte in seinem Zimmer im Duisburger Mannschaftshotel Casa Azzurri Germania lange das Licht. Unmittelbar nach dem Sieg der Franzosen im zweiten Halbfinale gegen Portugal begann der exzellente Stratege und kühle Analytiker mit den Vorbereitungen auf das Finale.
Der Sieg der Grande Nation kam für Lippi nicht überraschend. Voller Hochachtung sprach er vor der Neuauflage des EM-Endspiels von 2000 über die Qualitäten des Gegners: Für mich war es eine Bestätigung dafür, dass die Franzosen in diesem Turnier gewachsen sind. Nach einem mäßigen Start haben sie zurück zu alter Form und dem besten Zidane gefunden. Ich bin überzeugt, dass es ein ausgeglichenes Finale geben wird. Für Alessandro Del Piero wird das Finale zum Gipfeltreffen der Besten gegen die Besten mit Frankreich als Favorit. Das Team mit seinem Freund Zinedine Zidane sei weniger gestresst, sagte der Schütze des 2:0 im Halbfinale gegen Deutschland.
Bei allem Respekt vor dem Gegner hat die Squadra Azzurra reichlich Grund zur Zuversicht, auch wenn der Weltklasse-Abwehrspieler Alessandro Nesta fehlen wird. Der Verteidiger des AC Mailand könne wegen seiner Adduktorenzerrung in Berlin nicht spielen, teilte Italiens Teamarzt Enrico Castellacci mit. Bei Nesta war beim 2:0-Sieg gegen Tschechien eine alte Adduktorenblessur aufgebrochen. Für den Routinier wird voraussichtlich wieder Marco Materazzi spielen.
Seitdem Lippi das Amt vor zwei Jahren von Giovanni Trapattoni übernahm, ging es stetig bergauf. Nach 24 Spielen ohne Niederlage und dem Einzug ins WM-Endspiel redet niemand mehr über das schwache Abschneiden bei der EM 2004 in Portugal. Nur noch ein Schritt und wir gehen in die Geschichte ein. Da wollen wir uns nicht mehr aufhalten lassen, sagte Fabio Grosso, der Italien mit dem Tor zum 1:0 gegen Deutschland auf Finalkurs brachte.
Vor allem die Abwehr um den nur 1,75 Meter großen Fabio Cannavaro, der sich für sein anstehendes 100. Länderspiel keinen besseren Rahmen wünschen konnte, gilt als Prunkstück. Erst zwei Mal in der WM- Historie zog ein Team mit nur einem Gegentor in sein siebtes und letztes Turnierspiel ein. Selbst der einstige Weltstar Diego Maradona geriet ins Schwärmen: Italien hat alle überrascht.
Duisburg -
Dabei sind die Italiener von idealen Voraussetzungen Lichtjahre entfernt: Während sich die Profis auf den Höhepunkt ihrer Karriere vorbereiten, laufen die Ermittlungen der Juristen im heimischen Fußball-Skandal weiter auf Hochtouren. Es zeichnen sich drakonische Strafen ab: Selbst der Anwalt von Rekordmeister Juventus Turin bot einen Tag nach dem Finaleinzug der Nationalelf einen Vergleich an, der einen Zwangsabstieg in die Serie B und einen Punktabzug vorsieht.
Den Azzurri droht deshalb ein böses Erwachen aus dem WM-Traum. Setzt sich Chef-Ankläger Stefano Palazzi mit seinen Forderungen durch, wäre über die Hälfte des WM-Kaders betroffen. Die Drohkulisse forderte nach Meinung von Lippi den Stolz der Spieler heraus: Diese Konfusion hat uns zu einer Reaktion angetrieben, wir sind enger zusammengerückt.
Das Vertrauen einer ganzen Nation in den Sachverstand des Fußball- Lehrers ist seit dem Halbfinalsieg über Deutschland größer denn je. Mit seiner mutigen Offensivtaktik in der Verlängerung verschaffte er sich zusätzlich Respekt. Das viele Lob in der Heimat tut ihm sichtlich gut. Mein Boot liegt im Hafen von Viareggio - mit laufendem Motor. Geht es schief, dann verschwinde ich noch in der Nacht und steche in See, hatte Lippi immer wieder erzählt. Zwei Tage vor dem Endspiel verriet er der wachsenden Journalistenschar die ganze Wahrheit: Ich verrate euch etwas: der Motor war nie an.
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