München - Frankreichs Tour de Force bei der WM in Deutschland steht vor einer grandiosen Schlussetappe. Nach dem zweiten Einzug in ein WM-Finale dank des 1:0 über Portugal träumt die Grande Nation acht Jahre nach dem Triumph im eigenen Land vom zweiten Titel.
Mit seinem spielentscheidenden Elfmetertor (33.) ebnete der fast zu alter Genialität zurückgekehrte Zinédine Zidane erneut den Königsweg für die Equipe tricolore, die nur noch einen letzten Schritt zum WM-Olymp zurücklegen muss. Mit dem Endspiel gegen Italien ist im Olympiastadion auch die große Bühne bereitet für den krönenden Karriere-Abschluss von Frankreichs schillernder Fußball-Ikone.
Er hat uns zehn Jahre lang verzaubert und ist die große Konstante der Mannschaft. Aber es geht am Sonntag nicht um das Abschiedsspiel für Zidane, sondern um das Finale einer Weltmeisterschaft, sagte Trainer Raymond Domenech, der den sensationellen Finaleinzug der schon totgesagten Blauen als Gemeinschaftswerk aller 23 Spieler bezeichnete. Es macht die Qualität dieser Mannschaft aus, leidensfähig zu sein, sich für ihren Traum aufzuopfern und große Solidarität und Durchhaltevermögen zu haben, charakterisierte der 54-Jährige sein Team, das stets bereit sei, bis zum Ende zu gehen. Domenech: Ich habe immer den 9. Juli als unser Ziel ausgegeben. Jetzt präzisiere ich, so gegen 22.00 Uhr oder wie lange das Endspiel auch dauern mag. Ein Finale spielt man, um es zu gewinnen.
In seinem letzten Gefecht hält es Zidane genauso. Wenn wir jetzt schon so weit gekommen sind, wollen wir auch den Weltpokal aus Deutschland mitnehmen. Das wird gegen die starken Italiener sehr, sehr schwer, aber wir können es schaffen. Unsere Parole ist, dass wir bereit sein müssen, zusammen zu sterben, meinte der Maitre mit martialischen Worten. Rekord-Nationalspieler Lilian Thuram, der in seinem 120. Länderspiel erneut ein Eckpfeiler der französischen Betondeckung war, warnte vor den gleichfalls abwehrstarken Azurri: Für mich ist Italien vielleicht die beste Mannschaft des Turniers.
Fürchten muss die zusammengeschweißte Bande von Trainer Domenech den dreifachen Weltmeister nicht. Denn die Equipe tricolore, die durch die Vorrunde (0:0 gegen die Schweiz, 1:1 gegen Südkorea und 2:0 gegen Togo) dilettierte und wie 2002 kurz vor dem frühzeitigen K.o. stand, war das einzige WM-Team, das sich im Turnierverlauf kontinuierlich steigern konnte. Auch dank Domenechs Vermögen, sich trotz populistischer Forderungen nach anderen Formationen nicht beirren zu lassen.
Beim bahnbrechenden 3:1-Achtelfinalsieg gegen Spanien hatte er schließlich jene Startaufstellung gefunden, die gegen Portugal zum dritten Mal in Serie unverändert begann. Vorausgegangen war im feudalen WM-Quartier Schlosshotel Münchhausen laut Sportbild eine reinigende interne Aussprache der Meinungsführer, bei der auch Kapitän Zidane von seiner Forderung nach einem zweiten Stürmer neben Thierry Henry abgerückt sein soll. Es war der Anfang der französischen Metamorphose vom Wackelkandidaten zum Titelanwärter.
Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes brach in München eine Lanze für den von Anfang an in der öffentlichen Kritik stehenden Coach: Er ist so oft zu Unrecht kritisiert worden. Er hat sehr darunter gelitten, es aber nach außen hin nicht gezeigt. Jetzt sieht man, dass er Recht behalten hat. Das ist seine schönste Revanche.
Im Augenblick seines bisher größten Sieges (Portugal war noch schwerer zu spielen als Weltmeister Brasilien) zeigte Domenech weniger Gefühle der Genugtuung, sondern gab sich in bester Siegerlaune entspannt, locker und lustig. Ehe er nach dem Portugal-Spiel bei der Pressekonferenz das Wort ergriff, pfiff er, kaum hörbar, den Refrain der italienischen Nationalhymne (Italia). Da schwang schon seine Vorfreude auf das große Finale mit. Domenech: Wenn wir die Abschluss-Zeremonie von Berlin erleben, dann werden wir erst realisieren, was wir geleistet haben.
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