Berlin - Langsam erwachen die Klinsmänner wieder aus dem Schockzustand - und wollen sich am Final-Sonntag mitten auf der Berliner Fanmeile als WM-Dritte feiern lassen.
Wir müssen einfach nach vorn sehen und wollen gegen Portugal unbedingt gewinnen, gab WM-Toptorjäger Miroslav Klose nach den Tränen über das verpasste Endspiel einen Sieg im kleinen Finale in Stuttgart als neues Ziel aus. Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel holten sich Torwart Jens Lehmann & Co. die Anerkennung für ein tolles WM-Turnier schon bei einem gemeinsamen Abendessen ab, zum Abschluss will das DFB-Team in der Hauptstadt noch einmal in der schwarz-rot-goldenen Menge baden. Das ist ein Dank an die Fans, begründete Klose die Entscheidung der Mannschaft, nach einer internen Feier in Stuttgart nochmals nach Berlin zurückzukehren.
Die Abschluss-Party vor vermutlich mehreren Hunderttausenden auf der Fanmeile und Millionen an den TV-Geräten am 9. Juli wird dabei auch zu einer groß angelegten Demonstration für Jürgen Klinsmann, dessen Vertragsverlängerung als Bundestrainer inzwischen vom ganzen deutschen Fußballvolk und besonders auch von seinen Spielern erwartet wird. Jürgen hat das Dilemma, dass er Abhängigkeiten geschaffen hat gegenüber dem Team. Die Spieler sind begeistert, waren bei der WM topmotiviert. Die Enttäuschung wäre sicherlich sehr groß, wenn er entscheiden sollte, nicht weiterzumachen, sagte Torhüter Jens Lehmann (36), der persönlich sogar eine Fortsetzung seiner Nationalmannschafts-Laufbahn von der Klinsmann-Entscheidung abhängig machen will. Klose sieht Klinsmann als ganz großen Baustein des Aufschwungs: Er hat etwas Faszinierendes aufgebaut.
Klinsmann selbst, der sich Bedenkzeit für seine Entscheidung erbeten hatte, blieb weiter in Deckung. Auch sein Assistent Joachim Löw entging der Frage der Nation, ob man gemeinsam die EM 2008 in Angriff nimmt oder nicht. Der Klinsmann-Intimus verzichtete entgegen der Gewohnheit, zwei Tage vor einem Spiel bei der DFB-Pressekonferenz zu sprechen, dieses Mal auf die Teilnahme an der Fragestunde. Auch die Spieler wollen den Bundestrainer nicht zu sehr auf das Thema ansprechen. Wir werden nichts fordern, das würde Jürgen ins falsche Ohr bekommen, sagte Lehmann. DFB-Präsident Theo Zwanziger kündigte an, Klinsmann notfalls sogar bis zu vier Wochen Bedenkzeit einräumen zu wollen.
Im abgeriegelten Grunewalder Schlosshotel bastelte der Bundestrainer derweil mit Löw an den Plänen für das Spiel um Platz 3. Per Mertesacker steht den Trainern dafür nicht mehr zur Verfügung, der 21-jährige Abwehrmann unterzog sich in München wegen einer Schleimbeutelentzündung einer Operation an der linken Ferse. Für ihn dürfte gegen die Portugiesen Robert Huth auflaufen. Auch Arne Friedrich fällt mit einer Innenband-Zerrung aus. Klose leidet noch unter einer Waden-Blessur.
Klinsmann erwägt den Einsatz von ein, zwei Akteuren, die im bisherigen Turnier noch nicht zum Zuge kamen. So könnten Marcell Jansen, Thomas Hitzlsperger oder Gerald Asamoah in die Startelf rücken. Ein B-Team wird der Bundestrainer aber nicht aufs Feld schicken, dafür ist ihm ein erfolgreicher sportlicher Abschluss in Deutschland zu wichtig.
Nachdem Klinsmann den Spielern noch einmal komplett frei gab, bittet er am Freitag um 10.00 Uhr in Berlin zum Abschlusstraining. Um 18.30 Uhr fliegt der DFB-Tross nach Stuttgart. Im Tor wird dort wohl Oliver Kahn stehen, der von Klinsmann für die klaglose Interpretation seiner Rolle als Nummer 2 belohnt werden soll. Die Chance ist schon groß, dass Oliver spielt, bestätigte Torwart-Coach Andreas Köpke. Lehmann selbst bot Kahn das Geschenk an.
Wenn Oliver spielen möchte und die Trainer auch zu der Überzeugung kommen, hat er es verdient, betonte Lehmann. Kahn antwortete in der Bild-Zeitung: Ich sehe das nicht als Almosen. Ich freue mich. Für mich hat auch der dritte Platz bei einer Weltmeisterschaft einen großen Wert. So würde der zweijährige Torwart-Krieg mit dieser weiteren feinen Geste in Stuttgart einen Abschluss finden, den in dieser Form wohl nicht einmal Klinsmann geahnt hatte.
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