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Hüpfen und Jubeln: Klinsmann im WM-Glücksrausch | 2006-06-30


Berlin - Um 19.41 Uhr ist Jürgen Klinsmann nicht mehr zu halten. Explosionsartig brechen die Gefühle aus dem Bundestrainer heraus. Er möchte die Welt umarmen, dann sprintet wie einst als Stürmer auf jenes Tor los, vor dem Jens Lehmann den Mittelpunkt des deutschen Jubels bildet.

Es ist der Moment, in dem der Wahl-Amerikaner Klinsmann endgültig zum Liebling aller Deutschen geworden ist. Und mit dem Halbfinale ist er der persönlichen Katastrophe eines Viertelfinal-K.o.s entkommen, schon jetzt hat er sein Ziel erreicht. Ich will bis zum Ende des Turniers dabei sein. Er will natürlich jetzt das Finale, nicht das Spiel um Platz drei.

Wenn es eines Elfmeterschießens bedarf, dann gewinnen wir eben mit Elfmeterschießen, hatte Klinsmann angekündigt. Ob er auch dieses Viertelfinal-Drama in seinem Masterplan hatte, der wie ein Fußball-Märchen bei dieser Heim-WM auf magische Weise aufzugehen scheint? Die Titel-Mission lebt - und Klinsmann lebt sie extrem aus. Die Gefühle gehen mit einem Gassi, sagt er wenig später. Das war ein Krimi wie ein Hitchcock-Film. Wir haben immer an uns geglaubt und waren absolut sicher, dass wir zurückkommen auch nach dem 0:1.

Um 16.15 Uhr betritt er den Stadion-Innenraum - endlose 45 Minuten vor dem Anpfiff. Von der Ersatzbank aus sieht er seinen Spielern angespannt beim Aufwärmen zu. Nur einmal erhebt er sich für einen kurzen Händedruck mit DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Wasserpulle - wie soll man sonst die Nervosität bekämpfen? Nach einer Viertelstunde tigert er zurück in die Kabine, wo er wenig später letztmals das Team pusht.

Dann gehts raus. Die Nationalhymne singt der 41-Jährige noch im Schulterschluss mit seinem Assistenten Joachim Löw mit. Sofort danach zieht er das dunkelblaue Sakko aus - auch er krempelt die Ärmel hoch. Mal steht er, mal hockt er in seiner Coaching-Zone, rudert mit den Armen, klatscht Beifall nach Michael Ballacks vergebener Kopfball-Chance (16.). Aber erstaunlich häufig sitzt er auch auf seinem Schalensitz.

Halbzeit. Besprechung in der Kabine, die zweite Hälfte beginnt Klinsmann stehend und entsetzt: Nach Riquelmes Ecke überspringt Roberto Ayala im Kopfballduell Miroslav Klose - 0:1. Was nun?

Nach einer Schocksekunde steht der Bundestrainer am Spielfeldrand, klatscht aufmunternd. Jetzt treibt er das Team persönlich nach vorne, bringt Flügelflitzer David Odonkor. Er nimmt den 22-Jährigen noch einen Moment lang in den Arm. Los, Junge, reiß das Spiel rum!

72 000 Zuschauer toben, laufen jetzt heiß wie Klinsmann. Als Argentiniens Torhüter Roberto Abbondanzieri vom Platz getragen werden muss, schickt ein erregt mit den Armen rudernder Klinsmann die Helfer höchstpersönlich mit der Trage auf den Rasen. Er bringt Tim Borowski, der sofort den Abschluss sucht, aber auch nicht trifft. Aber dann ist es der Bremer, der den Ball per Kopf auf seinen Vereinskollegen Klose zum 1:1 verlängert. Klinsmann hüpft wie ein Flummi auf und ab - fällt Bastian Schweinsteiger in die Arme, schreit seine Freude heraus.

Jetzt will der ehemalige Weltklassestürmer alles. Er zieht seinen letzten Joker: Oliver Neuville kommt, und Klinsmann nimmt wieder einen Schluck aus der Wasserflasche, feuert sie auf den Boden. Das Drama kostet Kraft - auch wenn man eigentlich gar nicht mitspielt.

Schlusspfiff nach 94 Minuten inklusive Nachspielzeit. Während Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Physiotherapeut Klaus Eder dem erschöpften Ballack die Beine lockern, bespricht Klinsmann mit seinem Kapitän die Taktik für die Verlängerung. Gänsehaut-Atmosphäre im Olympiastadion.

Sitzen ist jetzt nicht mehr - Klinsmann steht, hockt, stemmt die Arme in die Hüften. In den ersten 15 Minuten passiert nichts, und der Bundestrainer redet in der kurzen Pause wieder auf den fertigen Ballack ein. Er schickt den noch frischen Borowski für den Kapitän in die Mittelfeld-Zentrale. Mit rudernden Handbewegungen versucht er seine Mannschaft nach vorne zu treiben. Als Ballack von Krämpfen geplagt minutenlang vor ihm an der Linie liegt, leidet Klinsmann mit.

Er applaudiert seinen Kerlen, als Lubos Michel nach 120 Minuten abpfeift. Wen soll er jetzt die Elfmeter schießen lassen? Mit Löw geht er die Namen durch, fragt seinen erschöpften Kapitän, seinen sichersten Schützen. Ballack stellt sich, und alle Schützen behalten die Nerven. Lehmann hält zwei Mal - und nach der ersten Jubel-Ekstase schaut Klinsmann stolz seiner Mannschaft bei der Ehrenrunde zu.


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