Berlin - Der Ball rollte in den zwölf WM-Stadien, doch Deutschlands größter Fanblock bei der Weltmeisterschaft stand in der Hauptstadt.
Auf der mehr als zwei Kilometer langen Berliner Partyzone zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule kochte das Fußballfieber vor allem bei Spielen der deutschen Nationalelf so hoch wie kaum anderswo. Das Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold, Schlachtenbummler mit geschminkten Wangen, die Euphorie nach jedem Sieg und die stumme Enttäuschung nach dem Halbfinal-K.o. gegen Italien: Die Bilder gingen um die Welt. Zum Mitfeiern kamen allein weit mehr als sieben Millionen.
Prächtige Party-Stimmung, alles schick und fröhlich, hieß es bei der Polizei zwei Tage vor WM-Anpfiff bei der Eröffnung der Fanmeile am 7. Juni. Und so blieb es mehr als vier Wochen lang - bis auf einen Schock an einem spielfreien Tag: Ein Amokfahrer durchbrach in seinem Wagen die Absperrungen und verletzte 26 Menschen. Doch der Schreck wich wieder, das Halbfinale verfolgten danach sogar eine Million Fans vor den Videowänden des umzäunten Areals. Ursprünglich sollte der kleinere Spreebogenpark am Kanzleramt für das Public Viewing genutzt werden - ein Wort, das vor der WM niemand kannte. Doch Fußball im Freien zu gucken, mit anderen zu jubeln und mitzuleiden wurde zum Sommerhit.
Da war es gut, dass sich die Hauptstadt zu einer Sperrung der Straße des 17. Juni durchgerungen hat: Erst waren es 200 000, dann 500 000, dann fast eine Million Menschen, die zum Brandenburger Tor strömten. Dem Senat als Veranstalter wurde von einigen Kritikern vorgerechnet, dass die Zahlen angesichts der Fläche nicht stimmen könnten. Geschätzt wurde, wie viele Besucher im Tagesverlauf kamen - und sicher dürfte sein, dass es oft genauso viele Menschen waren wie zur Love Parade oder zur Silvesterparty. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der sich im Herbst zur Abgeordnetenhauswahl stellt, zeigte sich jedenfalls als stolzer Gastgeber und Fußballfan. Berlin hat an Reputation unheimlich gewonnen, so sein WM-Fazit.
Es war ein fröhliches Fest bei Bilderbuchwetter, an bierseligen Deutschland-Abenden auch mit Oktoberfestcharakter. Klinsmann, Lehmann, Ballermann, titelte eine Schweizer Zeitung nach dem Elfmeterkrimi gegen Argentinien über die deutsche Party. Fahnen, Girlanden, Irokesen, Trikots und Nationalflaggen auf blanken Busen: Der Enthusiasmus war grenzenlos, die Feierlaune ebenso, so dass die Fanmeile oft zur Flirtmeile wurde. Das Motto Die Welt zu Gast bei Freunden passte. Für besondere Stimmung und viele Farbtupfer sorgten 70 000 Schweden und ungezählte Brasilianer, die sogar im Tiergarten campierten. Einige Türken, deren Heimatland es nicht zur WM geschafft hatte, zeigten für Deutschland Flagge.
Dauerbrenner bei den Gesängen der Schlachtenbummler waren Fi-na- le zur Volare-Melodie und diverse Varianten von Yellow Submarine: Ihr seid nur ein Möbellieferant (Schweden), ein Rindfleischlieferant (Argentinien) oder Pizzalieferant (Italien). Bei letzterem nutzten die Spottgesänge bekanntlich nichts. Die Fans am Brandenburger Tor nahmen die Niederlage gegen Italien aber meist sportlich, und als die Nationalmannschaft nachts aus Dortmund in ihr Quartier im Grunewald heimkehrte, jubelten ihr dort noch 100 Anhänger zu. Am 9. Juli geht die Party auf der Fanmeile in ihr eigenes Finale: Am Mittag will sich die Nationalelf am Brandenburger Tor von ihren Fans verabschieden.
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