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Novize Klinsmann fordert Trainer-Größen heraus | 2006-06-28


Berlin - Noch am Tag des Achtelfinals gegen Schweden hatte Trainer-Novize Jürgen Klinsmann einen seiner Lehrmeister getroffen. In der Lounge eines Münchner Hotels diskutierte der Bundestrainer mit dem früheren argentinischen Weltmeister-Coach Cesar Luis Menotti.

Auf italienisch sprachen sie über die neue Philosophie der deutschen Mannschaft und sogar über taktische Dinge für die anstehende Partie. Deutschland gewann 2:0, steht bei der WM im Viertelfinale gegen Argentinien - und Lehrling Klinsmann fordert die Trainer-Größen dieser Welt heraus.

Mit 41 Jahren ist er mit Abstand der jüngste der acht Dirigenten, die bei den Viertelfinalisten den Takt vorgeben. Doch vielleicht hat ausgerechnet der Revolutionär im Konzert der Großen mit José Pekerman (56), Carlos Alberto Parreira (63), Sven-Göran Eriksson (58), Luiz Felipe Scolari (57), Oleg Blochin (53), Raymond Domenech (54) und Marcello Lippi (58) den besten Master-Plan. Er weiß genau, was er will, sagt Menotti über seinen früheren Spieler bei Sampdoria Genua. Jürgen hat viel mitgenommen von damals, vor allem die Klarheit, die ein Trainer haben muss, um die Spieler zu erreichen.

Beim WM-Workshop im März fehlte Klinsmann und musste dafür heftige Kritik einstecken. Doch der Wahl-Amerikaner traf seine Kollegen lieber im kleinen Kreis, um sich mit ihnen auszutauschen und sich von ihren Ideen inspirieren zu lassen. Ich bezeichne mich als jemanden, der jeden Tag lernen möchte, sagt Klinsmann. Nun zahlt es sich aus, dass er den Großen der Branche über die Schulter geschaut hat.

Mit dem brasilianischen Nationaltrainer Parreira tauscht sich der Nachfolger von Rudi Völler seit Jahren intensiv aus. Auch mit dem Trainer des Viertelfinal-Gegners Argentinien, dem Psychologen Pekerman, traf er sich. Im November des vergangenen Jahres hielt Klinsmann bei einem Trainer-Kongress in Rio de Janeiro einen Vortrag über die Neugestaltung des Nationalteams. Damals interessierte sich auch Portugals Trainer Scolari sehr für Klinsmanns Darstellungen.

So unterschiedlich die acht im Turnier verbliebenen Trainer-Charaktere auch sein mögen und so verschieden ihre Erfolgsrezepte - alle eint das große Ziel, am 9. Juli in Berlin den Titel zu gewinnen. Zwei von ihnen durften schon einmal die goldene Trophäe in Händen halten: Parreira, der nie als Profi Fußball gespielt hat, wurde 1994 mit Brasilien Weltmeister und bestreitet bereits seine siebte WM.

Scolari, der 2002 den WM-Titel mit der Seleçao holte, ist der bislang erfolgreichste portugiesische Nationalcoach. Nach dem Erfolg gegen die Niederlande in dem skandalträchtigen Achtelfinale mit vier Platzverweisen kommt es im Viertelfinale in Gelsenkirchen zum pikanten Duell mit Englands Trainer Eriksson, dessen Nachfolger er beinahe geworden wäre. Doch der Transfer scheiterte und vieles spricht dafür, dass Scolari die seleccao zur Europameisterschaft 2008 führen soll. Seit Scolari ist alles anders. Schade, dass er nicht schon früher mit uns gearbeitet hat. Er ist der beste Trainer, den wir je hatten, sagt der portugiesische Kapitän Luis Figo.

Scolari gilt in der Branche ebenso als strenger Regimentsführer wie der frühere sowjetische Nationalspieler Blochin, der den WM-Neuling Ukraine auf Anhieb ins Viertelfinale führte. Beim bislang ebenfalls eher distanziert wirkenden Domenech war jedoch eine interessante Wandlung festzustellen. Nach dem 3:1-Sieg seiner französischen Nationalelf gegen Spanien fiel der in der Heimat umstrittene Trainer vielen seiner Spieler erleichtert um den Hals. Ein Achtelfinal-Aus hätte den Mann mit dem graumelierten Lockenkopf und der randlosen Brille wohl den Job gekostet.

Auch über Klinsmanns Job ist bereits vor der WM spekuliert worden - vor allem nach dem 1:4 gegen Italien am 1. März. Die Azzurri und ihr Trainer Marcello Lippi haben Klinsmann die bislang bitterste Lehrstunde seiner noch jungen Trainer-Karriere erteilt. Nächste Woche könnte es ein Halbfinale Italien - Deutschland geben.


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