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Del Piero: Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht | 2006-07-08


Berlin - Jetzt oder nie! Für Alessandro Del Piero ist das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Frankreich das Spiel seines Lebens. Das ist meine letzte Chance, sagte der Kapitän von Juventus Turin.

Der kleine Stürmer will seine von Rückschlägen, Misserfolgen und Demütigungen geprägte Nationalmannschafts-Karriere doch noch in eine Erfolgsgeschichte verwandeln und zu einem glücklichen Ende bringen. Sein Tor zum 2:0-Halbfinalsieg gegen Deutschland soll nur der Auftakt gewesen sein, hofft der 31-Jährige.

Verkanntes Genie, Sensibelchen oder Fußballzauberer, die Meinungen über den Turiner gehen weit auseinander. Im Nationalteam war der begnadete Fußballer immer dabei, durchsetzen konnte er sich nie: Bei der EM 1996 spielte er ganze 45 Minuten, bei der WM 1998 machte er kein einziges Tor und bei der EM 2000 gehörte der nur zwei Mal von Anfang an aufgebotene Stürmer nach dem verlorenen Finale gegen Frankreich zu den größten Sündenböcken. Auch bei der WM 2002 in Japan und Südkorea konnte er das blamable Aus im Achtelfinale nicht verhindern, genauso wenig wie zwei Jahre später den Vorrunden- K.o. bei der EM in Portugal.

Auch in Deutschland blieb der zum Edel-Reservisten degradierte Del Piero blass. Statt auf den zu 100 Prozent fitten Turiner zu setzen, vertraut Nationaltrainer Marcello Lippi dessen ewigem Widersacher Francesco Totti. Und das, obwohl der laut eigener Aussage nach seinem Wadenbeinbruch im Februar in den ersten WM-Spielen nur 70 Prozent seiner normalen Leistungsfähigkeit zu bieten hatte. Die Zurücksetzung schmerzte: Ich will mehr Raum haben, klagte Del Piero, aber wie immer so leise, dass ihn keiner wirklich erhörte. Ich hoffe, dass ich mehr als 20 Minuten spielen kann, meldete sich Del Piero vor dem Finale gegen seinen Freund Zinedine Zidane wieder zu Wort.

Ob Lippi ihn diesmal erhört? Die Italiener sind skeptisch. Sie kennen den Freistoßkünstler im Trikot der Azzurri nur in der leidenden Rolle des Übergangenen. 25 Tore in 74 Länderspielen reichen nicht für ein Image als Sieger. Zu sensibel sei er, sagen seine Kritiker. Zu leise für einen echten Star, der auf dem Platz das Heft in die Hand nimmt. Der legendäre Giovanni Agnelli gab ihm deshalb den Spitznamen Pinturicchio. Wie der italienische Renaissance-Maler sei Del Piero ein Künstler, aber eben kein Chef auf dem Platz.

Als Juventus Turins Rekordtorjäger hat Del Piero den Rekordmeister immerhin zu sieben Meisterschaften und einem Champions-League-Triumph geführt. Seit 13 Jahren spielt Del Piero für Juve. Die erfolgreichste Zeit erlebte er unter Trainer Lippi. Selbst in den Zeiten des dramatischen Fußball-Skandals steht er treu zur Vecchia Signora, der Großen alten Dame des italienischen Fußballs.

Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht, hatte Del Piero bei seiner Vertragsverlängerung im Frühjahr gesagt. Und dazu steht er auch jetzt noch, kurz bevor das Sportgericht in Rom Juve höchstwahrscheinlich wegen der Liga-Manipulationen seines ehemaligen Managers Luciano Moggi zum Zwangsabstieg in die 2. oder gar 3. Liga verurteilen wird. Während seine Kollegen das sinkende Schiff fluchtartig verlassen, will Del Piero mit Juve notfalls auch in der Fußball-Provinz neu anfangen.


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