Stuttgart/Berlin - Die Kanzlerin drückte ihn ganz fest und gab ihm sogar einen Kuss auf die Wange, die gesamte Fußball-Nation liegt Jürgen Klinsmann zu Füßen - doch der Bundestrainer verlor trotz der überwältigenden Gefühle nicht die Kontrolle über sich selbst.
Es gab weder ein spontanes ja oder nein, und auch kein eindeutiges Zeichen, auf das auch die Mannschaft wartet, wie Kapitän Michael Ballack verriet. Die Fußball-WM ist zu Ende, aber das Rätselraten um die Zukunft des Projektleisters 2006 geht weiter.
Wahnsinnig stolz verabschiedete sich Klinsmann nach dem gigantischen Abschlussempfang vor dem Brandenburger Tor in den verdienten Urlaub, aus dem er vielleicht nicht mehr als Bundestrainer zurückkehren wird. Tausend, tausend, tausend Dank, die Truppe ist einfach geil, rief er den Fans zu - allerdings ohne ein Versprechen der persönlichen Wiederkehr.
Ich persönlich brauche ein paar Tage, um das zu verstehen und sacken zu lassen. Es ist viel auf uns alle eingestürzt. Ich kann das Ganze noch nicht ordnen, gestand Klinsmann. Er genoss die Huldigungen von Jung und Alt sowie seiner Mannschaft, aber die Entscheidung will er im Kreise der Familie mit kühlem Kopf und in Abgeschiedenheit treffen. Ich bin überwältigt und glücklich, dass solche Wertschätzung und Komplimente aus vielen Bereichen kommen für unsere Arbeit. Aber ich kann auch nur betonen: Wir Trainer können viel auf den Weg mitgeben, aber spielen tun die Jungs.
Die Schluss-Fotos und abschließenden WM-Umarmungen mit seinen engsten Mitarbeiten nach dem 3:1-Sieg gegen Portugal, bei der nächtlichen Team-Party und beim schwarz-rot-goldenen Jubel am Tag darauf auf der Berliner Fan-Meile gaben keinen letzten Aufschluss darüber, was kommt. Auch die größten Experten konnten nur rätseln. Franz Beckenbauer meinte, nach der Überreichung der Bronze-Medaille eine gewisse Bejahung im Gesicht des Bundestrainers abgelesen zu haben nach seiner Aufforderung, Klinsmann müsse jetzt weitermachen. Uwe Seeler, ein anderer deutscher Ehrenspielführer, deutete die Zeichen anders: Jürgen weiß, dass die WM etwas Besonderes ist und der Alltag folgt. Wer Jürgen kennt, der muss nachdenklich werden.
Klinsmann nährte beide Einschätzungen. Er kam seinem großen Ziel ganz nahe, seine Methoden haben gegriffen und die Spieler liegen ihm am Herzen. Er könne jetzt normalerweise nicht aufhören, meinte Kapitän Ballack: Wir machen ja auch weiter. Aber gerade die Spieler waren es auch, die daran erinnerten, das ihr Trainer viel Kritik wegstecken musste. Jetzt ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber er muss die gesamten zwei Jahre sehen, sagte Ballack.
Klinsmanns ausdrücklicher Dank an Angela Merkel sprach in dieser Hinsicht Bände. Ganz besonders stolz war ich, als ich die Kanzlerin drücken durfte, weil sie auf unserer Seite war, als es noch richtig um die Ohren gab vor ein paar Monaten nach dem Italien-Spiel in Florenz. Da war sie eine der Wenigen, die aufgestanden ist und gesagt hat: Lasst die Kerle jetzt endlich mal in Ruhe arbeiten.
Auf die lange Bank schieben wird Klinsmann seine Zukunft nicht. Team-Manager Oliver Bierhoff kündigte ein Treffen schon für die Woche nach der WM an. Und ganz abtauchen würde Klinsmann auch dann nicht, wenn er dem DFB den Rücken kehren sollte und sich wieder in seine US-Wahlheimat zurückzöge. Für den negativen Fall möchte er wenigstens als Helfer und Dienstleister für die Nationalspieler zur Verfügung stehen: Egal, wie jetzt die Entscheidung ausgeht, diese Bereitschaft und Nähe wird von meiner Seite aus immer da sein.
Seine Familie, insbesondere seine Frau, wird maßgeblich mit an der Entscheidung über ein Weitermachen bis zur EM 2008 oder WM 2010 beteiligt sein. Es ist aber nicht so, dass praktisch die Debbie entscheidet, wer in Deutschland Bundestrainer wird, sagte sein engster Berater Roland Eitel dem ARD-Hörfunk: Letztendlich wird er die Entscheidung treffen.
DFB-Präsident Theo Zwanziger hat Klinsmann wie bei dessen Amtsantritt 2004 praktisch wieder eine Carte Blanche zugesichert, falls sich der Wahl-Amerikaner zu einer Verlängerung seines am 31. Juli auslaufenden Vertrages entschließen sollte. Grundsätzlich wollen wir das, was Klinsmann auf den Weg gebracht hat, weiter mit ihm durchsetzen, betonte der DFB-Boss. Für den Fall, dass Klinsmann geht, hat Zwanziger eine Übergangslösung bereits ausgeschlossen. Er strebe dann sofort eine Lösung an, die bis zur EM 2008 trage.
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