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Gattuso wird zum Symbol für Italiens Auferstehung | 2006-07-09


Berlin - Brutales Kampfschwein oder heldenhafter Fußball- Gladiator - auch Gennaro Gattuso ist sich über seine korrekte Berufsbezeichnung nicht ganz sicher.

Wenn ich einen Andrea Pirlo spielen sehe, frage ich mich schon, ob ich mich überhaupt Fußballer nennen darf, gestand Italiens WM-Held, der zur Symbolfigur für Italiens Fußball-Auferstehung wurde. Diego Maradona dagegen hat keine Zweifel: Italien sollte ihm ein Denkmal setzten, sagte der Argentinier über einen der besten Spieler dieser WM.

Und die Italiener gehorchten: Am Finaltag druckte die Gazzetta dello Sport Gattusos Bild auf der Titelseite mit der Schlagzeile: Der Anti-Zidane Gennaro Gattuso ist das Symbol Italiens. Mit Kampf statt Kunst hat sich der 28-Jährige in die Herzen der Tifosi gespielt und sich international großen Respekt verschafft.

Dass Italien nach 24 Jahren ohne Titel wieder träumen durfte, ist nicht zuletzt das Verdienst des Mittelfeldakteurs vom AC Mailand. Als die vom Fußball-Skandal und Gianluca Pessottos Selbstmordversuch gebeutelten Azzurri am Boden schienen, übernahm der Kämpfer im Stile des italienischen Freiheitskämpfers Garibaldi vom blassen Francesco Totti das Kommando. Gattuso war grandios, lobte Nationaltrainer Marcello Lippi den Patrioten, der die Hymne so lauthals schmettert, wie kein anderer.

In den großen Momenten brauchst Du keine Schönspieler, da müssen Kämpfer ran, die ein Spiel als Schlacht verstehen, lobte ihn Torwart Gianluigi Buffon. Im Schatten der gefeierten Fußball-Künstler wie Mittelfeldregisseur Pirlo oder Spielmacher Totti avancierte Gattuso in Deutschland zum eigentlichen Star der Azzurri. Ohne ihn hätte Lippi beim 2:0-Halbfinalsieg gegen Deutschland nicht gewagt, in der zweiten Halbzeit der Verlängerung plötzlich mit vier Stürmern anzugreifen. Ohne den archaischen Kämpfer Gattuso wäre Italiens Fußball-Renaissance nicht möglich gewesen. Grazie Rino, skandierten deshalb die Fans in Berlin.

Vor dem Finale gegen Frankreich wurde der einst als brutales Kampfschwein verhöhnte Gattuso mit Lob überschüttet. Jetzt übertreibt mal nicht, sagte der Süditaliener und gebot der Gattuso- Mania Einhalt. Als man ihn gar mit Brasiliens Superstar Ronaldinho auf eine Stufe stellte, äußerte er Unverständnis. Ich kann einem den Ball abnehmen, aber von Ronaldinhos Klasse träume ich nicht mal nachts, sagte der nur 1,77 Meter große Fußballer.

In 41 Länderspielen brachte er es bisher auf ein Tor, bei Milan traf er in der letzten Saison drei Mal. Mit dem Champions-League- Gewinn 2003 und dem Meistertitel 2004 ist Ringhio (Der Knurrer) bereits hoch dekoriert. Nie hätte ich mir aber vorgestellt, dass ich Mal in einem WM-Finale stehen würde, gab Gattuso zu. Nach seinem Serie A-Debüt in Perugia lernte er, bei einem Gastspiel bei den Glasgow Rangers hart zu arbeiten. Mit Dankbarkeit, denke er an seine Lehrjahre in Schottland zurück, von wo er nicht nur britische Härte, sondern auch seine heutige Frau mitbrachte.

Anders als viele Teamkollegen, kennt Gattuso die Welt. Seine Eltern waren einst Gastarbeiter in Deutschland. Zwei Onkel von mir leben immer noch hier, erzählte Gattuso, den deshalb die Spiegel- Satire über die Italiener als Muttersöhnchen und Parasiten wütender machte als alle anderen. Das verzeihe ich nicht, sagte der Mann der klaren Worte. Obwohl selbst mit Milan im Manipulationsprozess vom Zwangsabstieg bedroht, bezog Gattuso auch in der Diskussion um eine mögliche Amnestie nach einem Titelgewinn klar Stellung: Blödsinn, wer Fehler gemacht hat, muss zahlen, sagte Gattuso. Denn: Geschenkt will Italiens größter Kämpfer nichts.


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