Hannover/München - Die Fußball-WM als Familienereignis und Volksfest hat den deutschen Fernsehsendern Einschaltquoten in einer bisher nicht erreichten Größenordnung beschert.
Die Live-Sender ARD, ZDF, RTL und Premiere profitierten beim größten Sportereignis des Jahrzehnts von einer Alter und Geschlecht übergreifenden Euphorie rund um die WM und um die Klinsmann-Elf. Die veröffentlichte und die öffentliche Meinung lagen nicht wie zuletzt bei der WM 2002 auseinander, sondern waren diesmal gleich, stellte der Medienforscher Josef Hackforth fest.
Noch nie hat es in unserem Land so viele Bilder von Leidenschaft im Stadion, fröhlicher Volksfeststimmung auf den Straßen und Plätzen und Fan-Begeistung gegeben, bilanzierte ZDF-Intendant Markus Schächter. Alle sieben Spiele der deutschen Mannschaft übertrafen die 20-Millionen-Marke. Das kleine Finale um Platz drei sahen im ZDF 23,92 Millionen Zuschauer vor dem eigenen Bildschirm. Der deutsche TV-Rekord mit 29,66 Millionen beim dramatischen WM- Halbfinale gegen Italien dürfte zumindest bis zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz Bestand haben.
Der Trend Fußball über alles hat sich nochmals verstärkt. Bei dieser WM haben nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder geguckt. Zu den offiziellen TV-Quoten kommen jene vielen Millionen hinzu, die auf öffentlichen Plätzen oder bei Freunden geschaut haben. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung hat sich der WM zugewandt. Das ist ein phänomenaler Wert, erklärte Medienforscher Hackforth. Das Turnier sei ein ungewöhnliches Gemeinschaftserlebnis und soziales Ereignis.
Nach Ansicht des Ordinarius für Sport, Medien und Kommunikation an der TU München profitierte nicht nur das Medium Fernsehen von der WM- Begeisterung. Auch die verschiedenen Online-Angebote im Internet und die Teletext-Angebote waren sehr gefragt. Die offizielle Website des Weltverbandes FIFA (fifaworldcup.com) verzeichnete in den vier Wochen rund fünf Milliarden Seitenaufrufe. Fußballfans nutzten die Internet- Angebote für Zusatzinformationen und die zahlreichen WM-Foren zu einem intensiven Meinungsaustausch.
Es hat auch noch nie so eine erschöpfende und vielfältige Berichterstattung in den deutschen Tageszeitungen gegeben, stellte Hackforth fest. Er bemängelte zugleich die Fernsehkritik in einigen Zeitungen. Die Urteile über die TV-Kommentatoren und Moderatoren würden ohne Hinweis auf Qualitätsmerkmale nur subjektiv ausfallen und von Miesmacher bis blendender Entertainer reichen.
Insgesamt erhielten die TV-Reporter Reinhold Beckmann, Béla Réthy, Marcel Reif und Co. aber von den Zuschauern und den Fernsehkritikern in den Printmedien durchweg gute Noten. Wahrscheinlich hat die euphorische Grundhaltung im Lande dazu beigetragen, dass sich selbst berufsmäßige Nörgler zurückgehalten haben, vermutete ZDF- Chefredakteur Nikolaus Brender.
Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die bei der WM eine gemeinsame Technik nutzten, konkurrierten mit unterschiedlichen Konzepten um die Gunst des Publikums. Der Endspiel-Sender ARD setzte auf das bewährte Duo Gerhard Delling/Günter Netzer in einem Studio ohne Zuschauer, beim ZDF präsentierten Johannes B. Kerner sowie die Experten Jürgen Klopp und Urs Meier die WM ähnlich wie das RTL-Duo Günther Jauch/Rudi Völler aus einer Arena mit Publikum.
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