Berlin - Auch für Peter, Rüde und Flo war der Sonntag in Berlin der absolute Gipfel. Mit ihrem Hit 54, 74, 90, 2006 hatten die Sportfreunde Stiller über Wochen die WM-Träume vieler Fans auf den Partymeilen beflügelt.
Es wurde zwar nichts mit dem Titel 2006 - aber die Einladung, der Nationalelf am Brandenburger Tor ein Ständchen zu bringen, war doch fast genauso schön. Und die neue Variante mit Zukunftsmusik hatten die Sportfreunde sicherheitshalber schon vor ein paar Monaten im Studio mit produziert. Nun heißt es eben 54, 74, 90, 2010.
Es hätte gar nicht besser laufen können für das Trio aus München. Die Hymne auf Platz eins der Charts und deutlich mehr im Ohr als Herbert Grönemeyers offizieller WM-Song, das etwas sperrige Zeit, dass sich was dreht. Das Sportfreunde-Album You have to win Zweikampf ein Renner in den Plattenläden: Aus der alternativen Truppe, die noch vor einiger Zeit als bajuwarischer Abklatsch der Toten Hosen galt, ist eine der populärsten deutschen Gruppen geworden.
Waren wir nun der letzte zündende Funke, der das euphorisch- offensive Feuer der deutschen Nationalmannschaft entfachte, oder haben wir letztlich doch zu wenig musikalischen Beistand geleistet? Diese Frage stellten die Sportfreunde auf ihrer Homepage nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien. An diesem traurigen Tag müssen wir einsehen, dass wir mit unserer Prophezeiung in Liedform haarscharf an der Realität vorbeigeschlittert sind.
Macht nichts, denn nun überwiegt, wie bei Millionen Fans in Deutschland, die Genugtuung über das gelungene Fußball-Fest und die schwungvolle Vorstellung der Klinsmann-Truppe. Was war das für ein Freudenfest die letzten Wochen und wir mit unseren Liedern mittendrin, gesungen von Groß und Klein an jeder Ecke.
Völlig überraschend war der Aufstieg der Sportfreunde nicht: Sänger und Gitarrist Peter Brugger, Schlagzeuger Florian Weber und Bassist Rüdiger Linhof galten lange als Geheimtipp in Münchner Indie-Rock-Kreisen. Wir wollen unbedingt bei der Fußballweltmeisterschaft spielen, sagte Linhof schon vor Jahren. Die drei Alben, die sie seit dem Jahr 2000 veröffentlicht haben, sind alle untrennbar mit Fußball verbunden. Das erste heißt sogar nach dem spanischem Fußballclub schlechthin: So wie einst Real Madrid.
Auf dem 2004 veröffentlichten Album Burli setzen sie ihren Lieblingsfußballspielern Denkmäler. Für Benjamin Lauth, der früher beim TSV 1860 München und nun beim Hamburger SV spielt, verfassten die Sportfreunde das Lied Lauth anhören. Roque Santa Cruz, Stürmer beim FC Bayern, bekam die Hymne Ich Roque auf den Leib geschrieben. Auch der Bandname hat einen fußballerischen Hintergrund: Der erste Fußballtrainer der drei Jungs beim Vorortclub SV Germering hieß Hans Stiller.
Der Hannoveraner Professor für Musikpsychologie, Reinhard Kopiez, beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Gesängen in deutschen Stadien. Identifikation und Authentizität sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Fußballhymne. Und natürlich muss das Lied eine gute Ohrwurmqualität haben, man muss den Refrain nach dem ersten Mal mitsingen können. Bisher hatte es in Deutschland an diesen Qualitäten gemangelt - doch nun ist die Lücke gefüllt. Nach der WM ist vor der WM, wissen die Sportfreunde. Übrigens haben wir bisher noch keine Tickets für Südafrika.
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