Stuttgart/Berlin - Auch ohne den goldenen Weltpokal hat Deutschland seine Fußball-Helden wie Weltmeister gefeiert und die schwarz-rot-goldene WM-Party mit einer rauschenden Schlussfete beendet.
Nach dem umjubelten 3:1-Erfolg im kleinen Finale gegen Portugal und einer durchfeierten Nacht in Stuttgart bereiteten mehr als 500 000 Anhänger der deutschen Nationalmannschaft in Berlin einen Empfang, der selbst bei einem vierten Titelgewinn nach 1954, 1974 und 1990 wohl kaum zu überbieten gewesen wäre.
Kapitän Michael Ballack & Co. waren überwältigt vom Liebesbeweis der Fans. Vielen, vielen Dank. Ihr seid die Geilsten!, rief Ballack vom Podium vor dem Brandenburger Tor den herbeigeströmten Massen auf der Hauptstadt-Fanmeile zu. Auch Bundestrainer Jürgen Klinsmann saugte noch einmal die in diesem Ausmaß nie erwarteten Emotionen auf. Tausend, tausend, tausend Dank. Ihr seid unglaublich, sagte der Bundestrainer, der seine neue, viele Millionen Menschen zählende Anhängerschar aber auch unmittelbar vor dem Start in den Urlaub im Ungewissen über seine persönliche Zukunft ließ. Gebt mir ein paar Tage Zeit, bat er die Fans um noch etwas Geduld.
Sein zweijähriges WM-Projekt ging im falschen Finale zu Ende. Die Nummer drei der Welt zu sein war nicht sein Ziel, auch wenn es ein großartiges Ergebnis war. Wir sind total happy mit dem, was erreicht wurde, betonte Klinsmann: Aber man nimmt sich im Sport immer die größten Ziele vor. Wenn einer in die Olympiade geht, wird er sich nicht die Bronzemedaille zum Ziel setzen, sondern er will die Goldmedaille holen. Der Traum ist zerplatzt gegen Italien.
Dem Mannschafts-Schwur, bei der Europameisterschaft 2008 und der nächsten WM-Endrunde 2010 in Südafrika gemeinsam das Verpasste neu anzustreben, schloss sich der 41-Jährige spontan nicht an - obwohl alle um sein Ja-Wort buhlen. Wir brauchen ihn, sagte sein Assistent Joachim Löw. Team-Manager Oliver Bierhoff erklärte: Alle glauben an ihn. Der erfolgreiche Turnierabschluss schürte bei den Spielern Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit dem Wahl-Amerikaner: Jürgen Klinsmann wird für sich entscheiden, wie er und seine Familie weiter leben wollen. Wenn wir heute verloren hätten, hätte er wohl aufgehört, orakelte der Dortmunder Christoph Metzelder.
Der Sudden Death im Halbfinale gegen Italien zerstörte einen in den vergangenen Wochen mit großem Teamgeist gelebten Traum. Aber die Tor-Gala von Bastian Schweinsteiger gegen Portugal riss die deutsche Mannschaft aus dem Tränental wieder heraus. Wir sind knapp am Finale gescheitert, aber die Emotionen und Freude überstrahlen. Es ist schön, dass jetzt auch zweite und dritte Plätze wieder etwas zählen, sagte Ballack. Die Aufbruchstimmung kehrte zum Turnierende zurück - die Spieler trugen ihre Bronzemedaillen ebenso wie die T-Shirts mit dem schwarz-rot-goldenen Aufdruck Danke Deutschland mit erhobenem Haupt. Wir haben leider das Ziel verpasst, Weltmeister zu werden. Aber wir haben noch eine junge Mannschaft, die noch viel lernen kann. Vielleicht ist es in vier Jahren soweit, erklärte Schweinsteiger.
Zwei Mal überwand der überragende Mittelfeldspieler den portugiesischen Torhüter Ricardo mit Distanzschüssen (56,/78.), einen Hochgeschwindigkeits-Freistoß lenkte Petit unglücklich zum 2:0 ins eigene Tor (61.). Dass so ein Spiel auch noch mit drei Schweinsteiger-Toren entschieden wird - diese Geschichten werden halt nur im Fußball geschrieben, kommentierte Klinsmann total happy. Bundeskanzlerin Angela Merkel war wie die über 50 000 Zuschauer im Stadion und die Millionen vor den TV-Geräten begeistert vom Spiel: Das war kein Looser-Finale, sondern Werbung für den Fußball.
Das Ehrentor für die tapfer kämpfenden Portugiesen durch Nuno Gomes (88.) war nicht einmal für Oliver Kahn ein Schönheitsfehler, über den man sich ärgern konnte. Der Titan demonstrierte noch einmal sein Können und verabschiedete sich nach elf Jahren und 86 Länderspielen aus der DFB-Elf. Es war fast das emotionalste Spiel überhaupt, nur noch getoppt durch das WM-Finale 2002, sagte Kahn nach den für ihn so schweren WM-Wochen. Der Rücktritt des Rivalen animierte sogar Jens Lehmann zum Flachs. Da wird mir etwas fehlen.
Kahn geht, Klinsmann wankt - und die Spieler flüchteten nach dem großen Finale auf der Fan-Meile und einem kurzen Abstecher ins Hotel Adlon in den ersehnten Urlaub. Man fällt in ein Loch, prophezeite Lehmann Seelenschmerz in den kommenden Tagen. Viel Zeit zum Verarbeiten einer WM, die das deutsche Team zurück in die Weltklasse katapultierte, bleibt nicht: Schon am 16. August steht das nächste Länderspiel gegen Schweden an, am 2. September beginnt in Stuttgart gegen Irland die Qualifikation für die EM 2008. Die müssen wir erst einmal schaffen, sagte Schweinsteiger mitten in den Jubel hinein.
Fürchten muss die Gruppe mit Tschechien, Irland, Wales, Slowakei, Zypern und San Marino niemand, der nötige Platz unter den ersten Zwei sollte drin sein. Mit Ausnahme von Kahn und der Ü 30-Fraktion mit Lehmann, Schneider, Neuville und Nowotny haben alle anderen Akteure eine Perspektive bis mindestens 2010. Silber, Bronze, da fehlt noch die Goldmedaille, sagte der erfolgreichste WM-Torschütze Miroslav Klose (5 Treffer) angesicht von Platz zwei 2002 und Rang drei 2006.
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