Rom - Campioni del Mondo! (Weltmeister!) prangte in großen Lettern auf den Titelseiten der italienischen Tageszeitungen. Wie im Delirium schwebt das Land seit dem Elfmeter- Sieg der Azzurri im siebten Fußball-Himmel.
Auch am Tag nach der Zitterpartie gegen Frankreich konnten einige Tifosi noch nicht so recht an ihr Glück glauben. Ist das wirklich wahr? Wir haben gewonnen?, murmelt der Römer Daniele immer wieder ungläubig. Kommentatoren und Sport-Experten sparten hingegen nicht mit Superlativen. Die Welt gehört uns!, schrieb die römische Zeitung La Repubblica. Und auch der Corriere dello Sport stimmte ein in den überschwänglichen Jubelchor: Die ganze Welt liegt unseren Champions zu Füßen!
Nach einer durchfeierten Nacht fuhren auch am Morgen noch immer zahlreiche laut hupende Autos durch die Innenstädte, so mancher wachte mit einem schweren Kater auf. Stark alkoholisierte und leicht bekleidete Jungs und Mädels sprangen überall in die Brunnen, beschrieb ein Journalist das nächtliche Szenario. Das Feiern bis zum Morgengrauen sei die einzige Möglichkeit gewesen, die über 120 Minuten dauernden Ängste, Spannungen und Neurosen abzubauen, hieß es.
Schier endlose Autokorsos schoben sich durch die Zentren der Metropolen, kreischende Fans hängten sich aus den Wagenfenstern und brüllten ihre Freude frei heraus: Siamo noi! Siamo noi! (Wir sind es!). Der Platz vor der französischen Botschaft in Rom wurde vorsichtshalber gleich von der Polizei abgesperrt.
Es war eine Notte Magica - eine magische Nacht - und das gleichnamige Lied von Gianna Nannini, das die Rockröhre für die WM 1990 in Italien geschrieben hatte, dröhnte mehr als einmal aus den Lautsprecherboxen. Wie bestellt ging kurz nach Abpfiff am späten Sonntagabend auch noch ein herrlicher Vollmond über Rom auf - wie ein gigantischer Fußball am Himmel beleuchtete er die Party zwischen Kolosseum und Piazza Navona.
Allein im antiken Circus Maximus in Rom hatten Hunderttausende Fans das Spiel auf drei Mega-Leinwänden verfolgt. Als Fabio Grosso den entscheidenden letzten Elfmeter verwandelte, gab es kein Halten mehr. Einander wildfremde Tifosi umarmten sich, Erleichterung brach aus - es war, als fiele ganz Italien ein Zentner schwerer Stein vom Herzen.
In Rom und über der Piazza del Duomo in Mailand erleuchteten Feuerwerkskörper den schwarzen Nachthimmel, Sektkorken knallten, Freudentränen flossen. In vielen Städten tanzten die Italiener spontan auf den Straßen und schwenkten die grün-weiß-rote Nationalflagge. In Kneipen und auf den Piazzas stimmten die überglücklichen Fans immer wieder spontan die italienische Hymne an. Endlich, endlich, haben wir wieder einmal etwas ganz, ganz Großes gewonnen, schwärmte eine Tifosa mit azurblauem Stirnband.
Selten hatte sich das Land mit solcher Vorfreude auf ein Sportereignis vorbereitet. Viele kulturelle Veranstaltungen, Opernaufführungen und Konzerte wurden kurzfristig abgesagt oder verschoben, viele Restaurants hatten Schilder mit Domenica chiuso (Sonntag geschlossen) in die Türen gehängt.
Ein ganz wichtiger Sieg für Italien, voller Symbolkraft. Und was für eine spannende Partie - den Unterschied hat ein einziger Lattenschuss ausgemacht, freute sich Ministerpräsident Romano Prodi, der das Spiel in den eigenen vier Wänden mit Freunden und Familie verfolgt hatte. Am Morgen danach schien die Sonne vom azurblauen Himmel auf ein vor Glück schäumendes Italien. Auch der Kellner an der Frühstücksbar begrüßte seine Kunden mit den Worten: Campioni del Mondo!
Neben den großen friedlichen Freudenfeiern zum WM-Sieg Italiens ist es auch zu einigen Krawallen gekommen. Allein in Rom seien 13 gewalttätige Fans festgenommen worden, weil sie Geschäfte im Zentrum der Stadt beschädigt und Polizeibeamte verletzt hatten. In einigen Teilen der Ewigen Stadt gingen Autos, Busse und Mülltonnen in Flammen auf. Auf dem zentralen Campo deFiori und auf der Piazza del Popolo kam es zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und zahlreichen Randalierern. Rund 20 Beamte mussten sich ärztlich behandeln lassen.
Auf Sardinien trugen sieben Tifosi Verbrennungen davon, als Unbekannte einen Molotow-Cocktail auf ihr Auto warfen. In Neapel wurden zahlreiche feiernde Menschen von Feuerwerkskörpern verletzt. Auch in Mailand waren die Rettungskräfte im Dauereinsatz, jedoch habe es sich größtenteils um leichte Verletzungen gehandelt, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.
In der mittelitalienischen Stadt Pescara durften drei gewalttätige Jugendliche, die nach dem Halbfinal-Sieg gegen Deutschland unangenehm aufgefallen waren, gar nicht erst mitfeiern - sie mussten ins Bett. Ein Richter hatte sie zu Hausarrest verurteilt, berichteten Medien. Das Urteil ist hart: Die drei Randalierer dürfen im Sommer am Abend ihre Wohnungen nicht mehr verlassen.
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