Berlin - Grande Festa, Grande Italia - berauscht vom vierten Weltmeistertitel flüchteten die skandalgebeutelten Azzurri bis in den frühen Morgen in eine heile Fußball-Welt.
Tausende Tifosi empfingen ihre mit 5:3 im Elfmeterkrimi gegen Frankreich siegreichen WM-Helden bei ihrer Rückkehr mitten in der Nacht vor dem Duisburger Team-Quartier. Stolz reckte Kapitän Fabio Cannavaro den Weltmeister- Pokal in den Nachthimmel - begleitet von frenetischem Jubel und Campioni-Sprechchören.
Mit ihren Frauen feierten sie eine rauschende Notte italiana. Selbst Trainer Marcello Lippi tanzte und sang in ungewohnter Ekstase. Während die heimischen Fans in Rom in den Trevi-Brunnen sprangen, hüpften Lippi und die Azzurri im Morgengrauen voll bekleidet in den See hinter dem Hotel. Wir und alle unsere Kellnerinnen und Kellner durften sogar den Pokal anfassen, erzählte Hotelchef Rolf Milser. Schon Stunden zuvor war der Cup im Berliner Olympiastadion durch die Hände der ehrfürchtigen Reporter aus der Heimat gegangen.
Nach dem Titelrausch droht der Squadra Azzurra aber ein böses Erwachen: Die für den 11. Juli erwarteten Urteile im Fußball-Skandal werden Italien aus dem Weltmeistertaumel reißen. Ohne den Fußball- Skandal wären wir nie Weltmeister geworden, sagte Gennaro Gattuso. Der Skandal und Gianluca Pessottos Selbstmordversuch hatten die Mannschaft während des Turniers zusammengeschweißt und stärker gemacht, nun erscheint er wieder als Horror: Rekordmeister Juventus Turin droht so gut wie sicher, dem AC Mailand, Lazio Rom und dem AC Florenz möglicherweise der Zwangsabstieg. Die Folgen werden womöglich dramatisch sein: 13 von 23 Azzurri, die nach durchfeierter Final-Nacht als Weltmeister ins Bett gingen, könnten als Provinzkicker aufwachen.
Der Kater wird gigantisch sein. Vor ihrem Rückflug in die Heimat am späten Nachmittag genossen die Italiener deshalb ihren WM-Triumph in vollen Zügen. Italien-Flaggen schwenkend waren die Azzurri zu den Klängen von Verdis Triumphmarsch aus Aida im Silberregen über den Rasen des Olympiastadions getanzt. Als der überragende Fabio Cannavaro den Pokal in den vom Feuerwerk erhellten Berliner Nachthimmel reckte, jubelten 20 000 Tifosi im Olympiastadion, Hunderttausende in Deutschland und Millionen in ganz Italien. Meine Jungs haben bewiesen, was der italienische Fußball wert ist, sagte der stolze Lippi in Duisburg, an dem La Repubblica jubelte: Die Welt gehört uns.
Das ist das Größte, was ich je erlebt habe, sagte der Coach nach dem glücklichen Sieg in einem ausgeglichenen Finale, so kann Italien auch bei der EM 2008 erfolgreich sein. Der Vater des Erfolgs lobte in seiner fantastischen Mannschaft vor allem die Turiner Gianluigi Buffon und Cannavaro, die bei dieser WM wegen des Skandals um ihren Club mehr gelitten haben als alle anderen. Der zum besten Torwart der WM gewählte Buffon kassierte in Deutschland kein einziges normales Gegentor und wurde so zum Garanten für Italiens vierten WM-Triumph nach 1934, 1938 und 1982. Nur durch ein Eigentor von Cristian Zaccardo und per Elfmeter konnte der mit einer Ablösesumme von 52 Millionen Euro teuerste Keeper der Welt bezwungen werden. Das Schicksal hatte schon vor dem Finale beschlossen, dass wir Weltmeister werden, sagte Buffon.
Nachdem Italiens WM-Entdeckung Fabio Grosso den entscheidenden Elfmeter zum WM-Triumph verwandelt hatte, nahm sich Buffon von einem Fotografen einen Klappstuhl, setzte sich mitten auf den Rasen des Olympiastadions und genoss erstmal den explodierenden Jubel um sich herum.
Wie schon beim 2:0-Halbfinalsieg gegen Deutschland wurde mit Grosso wieder ein Star aus der zweiten Reihe zum Matchwinner, als der Verteidiger von US Palermo den entscheidenden letzten Elfmeter verwandelte. Zuvor war sein Abwehrkollege Marco Materazzi vom Komparsen zum Hauptdarsteller aufgestiegen: Erst verursachte er den von Zinedine Zidane verwandelten Elfmeter (7.), dann besorgte er den Ausgleich (19.) und schließlich wurde er zum Opfer von Zidanes Kopfstoß, für den der Franzose Rot sah.
Die Ballzauberer wie Francesco Totti und Alessandro Del Piero blieben wieder blass, die Arbeiter und Kämpfer schossen Italien zum Titel. Gattuso will den Vater der italienischen Fußball-Renaissance unbedingt als Nationaltrainer behalten: Lippi, wenn du jetzt gehst, bringe ich Dich um, warnte er den Coach noch auf dem Siegerpodest. Und Lippi weiß, dass man Milans Mittelfeldspieler beim Wort nehmen muss. Wie versprochen, verteilte der Kämpfer mit dem großen Herzen seine 250 000 Euro Siegprämie unter seinen Verwandten in Süditalien. Auch Del Piero vergaß in der Stunde seines größten Erfolgs seine Freunde nicht: Den Titel haben wir auch für Pessotto gewonnen.
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