Berlin - Wenn Präsident Viktor Juschtschenko in Kiew ein Länderspiel besucht, sitzt er meist hinter dem Tor. Die Haupttribüne aber füllen die Oligarchen.
Die Neureichen des Landes haben den Fußball seit dem Zerfall der Sowjetunion voll in ihrem Griff: Stahlbaron Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, butterte in den zurückliegenden zehn Jahren 250 Millionen Euro in Meister Schachtjor Donezk, zuletzt betrug das Vereins-Budget gar traumhafte 84 Millionen. Industrie-Gigant Grigori Surkis und dessen Bruder Igor stecken ihr Geld in den Rivalen Dynamo Kiew, der 1975 mit dem Gewinn des Europacups der Pokalsieger und des Supercups für Furore sorgte.
Mit ihrem Geld dominieren die Finanz-Magnaten aber nicht nur den Kurs im Fußball, sie bestimmen seit der Gründung des selbstständigen Staates auch die politische Richtung der 15 Jahre jungen Demokratie mit. Grigori Surkis, ein kleiner, knurriger Mann mit krächzender Stimme, war zu Sowjetzeiten Chef des Wohnungsbaukombinats von Kiew. Als Präsident des Industrie- und Finanzkonzerns Slawutitsch nimmt er heute auch als Haupteigner von Fernsehkanälen Einfluss auf die ukrainische Medienwelt. Zwischen 1993 und 1998 führte er als Präsident seinen Lieblingsverein. Als er Präsident des ukrainischen Fußball-Verbandes wurde, überließ er die Dynamos seinem Bruder Igor.
Grigori Surkis und Cheftrainer Oleg Blochin scheinen heute ein Herz und eine Seele. Gemeinsam sitzen sie für die sozialdemokratische SDP im Parlament, verhehlen nicht ihre Sympathien für die Blauen von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch und giften gegen die von Viktor Juschtschenko betriebene orangene Revolution. Ein Wunder ist dies nicht: Als eine der ersten Amtshandlungen strich der neue Staatschef wichtige Steuervorteile für die Oligarchen und strich Subventionen für Kohle- und Energie-Konzerne.
Kaum zu glauben, dass Blochin noch vor neun Jahren bei der Rückkehr vom Trainer-Engagement bei Vorwärts Steyr in Österreich in Kiew von Surkis Stadionverbot erhielt. Hier kommt er nur über meine Leiche rein, soll Surkis gesagt haben, da sich der für seinen Sturkopf bekannte Blochin weigerte, die neuen, oligarchisch beherrschten Strukturen zu akzeptieren. Erst nachdem Blochin in seiner ersten Legislatur-Periode ab 1998 vier verschiedenen Blöcken des Parlaments angehörte, darunter auch dem der alten und voraussichtlich neuen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, landete er schließlich und endlich im politischen Lager von Surkis.
Umso überraschender kamen dann die Glückwünsche von Juschtschenko nach dem dürftigen 1:0 über Tunesien, das den Einzug in das Achtelfinale sicherte. Der Staatspräsident dankte seinen politischen Rivalen im Namen von Millionen ukrainischer Fans und gratulierte den Spielern für ihre historische Leistung. Bei den Feierlichkeiten nach der geschafften WM-Qualifikation auf dem Kiewer Maidan-Platz hatte Juschtschenko noch die Teilnahme verweigert.
Die Millionen sieht man Surkis nicht an. Er trägt ein unauffälliges graues Jackett, knüpft das Hemd auch bei brütender Hitze hoch bis zum Hals. Unmittelbar vor der WM kürte er über den TV- Kanal ICTV, zu dessen Miteigentümern er gehört, die Ukraine schon vorab zum Prämien-Weltmeister. 1,6 Millionen Euro extra zahlten die Oligarchen für den Sieg über Saudi-Arabien, rund 2,2 Millionen für das Achtelfinale. Auf die Fage, woher die ausgelobten 22,3 Millionen Euro für den WM-Titel kämen, antwortet Surkis stets ausweichend: Gute Freunde engagieren sich für Fußball in unserem Lande.
Wie heftig die Verquickungen zwischen Verband und Nationalteam mit Surkis Imperium sind, mussten auch die nach Neuigkeiten aus dem ukrainischen Lager lechzenden Journalisten erfahren. Von Pressechef Igor Miroschnitschenko gab es oft nur Belangloses zu erfahren, am Abend aber interviewte der Mann mit dem Pferdeschwanz als Moderator direkt aus dem Seminaris-Hotel in Potsdam live für ICTV alle wichtigen Akteure oder Trainer des Teams und brachte in der TV-Show Dritte Halbzeit die eigentlich interessanten Fakten an Tageslicht. Ken Wunder: Auch Miroschnitschenko steht auf Surkis Gehaltsliste.
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