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Gaywatch zur WM: Bei den Profis ein Tabu | 2006-06-29


Berlin - Irgendwo in der Klischeekiste über schwule Männer steckt auch das Vorurteil, dass diese sich nicht für Fußball interessieren. Das stimmt nicht unbedingt. Viele kicken in ihrer Freizeit oder fiebern in schwulen Fanclubs wie zum Beispiel den Berliner Hertha Junxx mit.

Zur Fußball-WM steigt das Interesse noch einmal - ähnlich wie bei den Heteros. Bei den Profis auf dem Platz ist Homosexualität aber immer noch tabu, wie Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli und offen schwul, bestätigt. Kommerzieller Fußball ist eine der letzten Bastionen, in der sich niemand zur Männerliebe bekennen mag.

Das WM-Fieber ist davon unberührt. Auf der Berliner Fanmeile soll es mittlerweile einen Treffpunkt der Szene geben, an dem neben Schwarz-Rot-Gold die Regenbogenflagge weht. Im Kino International versammeln sich Schwule und Lesben bei der Übertragung der WM-Spiele zum Gaywatch. Es ist nicht so ein aggressives Geschreie wie bei den heterosexuellen Fans, hat der Barkeeper beobachtet.

Dem Berliner Hobbykicker Helge vom Fußballclub Vorspiel ist es nicht wichtig, mit anderen schwulen Männern die WM zu verfolgen. Ihm geht es um den Sport. Wir spielen ganz normal Fußball, sagt er. Wir laufen nicht im Röckchen auf und machen auch Fouls. Ein bisschen anders gucke die Szene die Spiele schon, Lieblinge seien zum Beispiel Lukas Podolski oder Cristiano Ronaldo, so Helges persönlicher Eindruck. In der Freizeitliga, in der das Vorspiel-Team kickt, hat er nur ganz selten Vorurteile erlebt.

Während es in der Politik schon einige Bekenntnisse gab, weht im Profifußball ein anderer Wind. Innige Umarmungen und Spielerküsse sind anscheinend nur auf dem Platz erlaubt. Ein trauriger Fall ist der englische Fußballprofi Justin Fashanu, der sich 1998 nach seinem Outing und anschließenden Skandalgeschichten erhängt haben soll. Dabei dürfte Fashanu nicht der einzige schwule Fußballer sein, theoretisch gesehen.

Nach Schätzungen sind mindestens fünf Prozent aller Männer homosexuell. Wie viele es davon zum Fußballprofi schaffen, ist aber fraglich. Sport ist einer unserer konservativsten Bereiche, sagt die Göttinger Kulturanthropologin Tatjana Eggeling, die sich zum Thema Sport und Homosexualität habilitiert. Schon die kleinen Jungen in der F-Jugend lernten Schimpfwörter wie Schwuli, Weichei, Schwuchtel - ein homophobes Klima.

Corny Littmann, Hamburger Theaterchef und eingefleischter St. Paulianer, ist sich aber sicher, dass es auch in der Bundesliga schwule Männer gibt. Er würde diesen allerdings auf keinen Fall empfehlen, sich zu bekennen. Wenn sich einer tatsächlich outen würde, wäre er so sehr in den Medien, dass ich nicht weiß, wie ein 20- bis 25-Jähriger das aushalten soll. Außerdem müsste er mit Pöbeleien im Stadion und auf dem Platz rechnen.

Schwul sein ängstigt erstmal, erklärt Littmann weiter. Die meisten wissen überhaupt nicht damit umzugehen. Er vergleicht Fußballclubs in puncto Toleranz mit Schützenvereinen, außerdem stehe das Private in einer Mannschaft erst an dritter oder vierter Stelle. Littmann rechnet nicht in absehbarer Zeit damit, dass sich ein deutscher Fußballer outet. So bleibt es nur dem provokanten Theatermann vergönnt, mit seiner sexuellen Vorliebe zu kokettieren. So untreu ich meinen Liebhabern bin, so treu bin ich dem Verein, hat der St. Pauli-Präsident einmal gesagt.


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