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Fanfeste prall voll: Deutschland singt und jubelt | 2006-06-25


Berlin - Ganz Fußball-Deutschland singt, tanzt und jubelt. Die grenzenlose Lust der Fans auf die WM-Dauerparty ließ beim 2:0 der Gastgeber über Schweden die Fanmeilen bersten.

Überall Rekorde: Berlin mit einer Million Fans auf Deutschlands größter Feiermeile an der Straße des 17. Juni, München, Hamburg, Leipzig, Dortmund, Stuttgart, Gelsenkirchen und Kaiserslautern mussten ihre Fanfeste wegen Überfüllung lange vor Anpfiff schließen. Die 10-Millionen-Marke auf den offiziellen Fanfesten des Weltfußballverbandes FIFA ist nach etwas über zwei Wochen WM locker geknackt worden. Auf allen WM-Partys im Land jubelten seit Turnierbeginn schon mehr als 20 Millionen Menschen beim großen Fußballfestival unter freiem Himmel.

Und kaum haben sich die Massen von einer langen Freudennacht mit Polonaisen und Hupkonzerten auf dem Kurfürstendamm, der Reeperbahn, Leopoldstraße und vielen anderen Boulevards und Marktplätzen der Städte erholt, baut sich die nächste Rekordwelle mit dem Klassiker Deutschland - Argentinien im Viertelfinale in Berlin schon auf. Gut zwei Wochen vor dem Finale im Olympiastadion (9. Juli) erinnert damit der für ein Sportereignis beispiellose Ansturm besonders in der Hauptstadt an historische Dimensionen. So ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer wie jetzt zur Fußball-WM war in der Hauptstadt seit dem Fall der Mauer im November 1989 und den Feiern zur Deutschen Einheit im Oktober 1990 nicht mehr zu sehen.

Doch diesmal feiern Gäste aus der ganzen Welt farbenprächtig und sangeslustig einfach mit den Deutschen mit, denen manches Nachbarland nach der Wiedervereinigung zunächst nicht so einfach über den Weg traute. Auf den Fanmeilen wird das WM-Motto Die Welt zu Gast bei Freunden gelebt: Man tauscht Fahnen und abenteuerliche Kopfbedeckungen, bemalt sich mit den Nationalfarben gegenseitig auf Wangen oder Armen, in gewagten Fällen sogar auf blanken Busen. Und viele zunächst sportlich frustrierte Verlierer bewiesen in der Vorrunde und zum Auftakt der K.o.-Spiele im Achtelfinale, dass sie anständig verlieren können und feierten tapfer weiter.

Die Konflikte bei der Fußball-WM halten sich bisher in überschaubaren normalen Grenzen. Störfälle der heiteren Stimmung gab es bisher nur beim Deutschland-Spiel gegen Polen in Dortmund, als die Polizei rund 400 Hooligans aus dem Verkehr zog, und am Tag des Achtelfinales Deutschland gegen Schweden in Stuttgart, wo aus einer Gruppe von rund 400 Briten Stühle und Flaschen flogen. Die Polizei wählte eine harte Gangart, kesselte die Krawallmacher ein, setzte 378 fest und beruhigte die Lage. Für das Spiel England - Ecuador in Stuttgart erhielten die meisten Randalierer Innenstadt-Verbot.

Ansonsten verteilt die Polizei im ganzen Land seit Wochen Komplimente. Absolut spitzenmäßig sei das Fan-Verhalten, sagte am Sonntag ein Polizeisprecher in Berlin. Die Zwischenfälle sind nicht viel schlimmer als im Karneval, hieß es in Köln. Ein Münchner Sprecher meinte aus Erfahrung: Es ist halt so wie bei jedem Bierfest auch.

Die Polizei drückte, Straßenverkehrsordnung hin oder her, mindestens ein Auge und beide Ohren zu. Das müssen wir mit Humor nehmen, begründete ein Polizeisprecher in Darmstadt die Zurückhaltung der Beamten gegenüber den traditionellen Autokorsos. So lange nichts passiert, greifen wir nicht, sagte ein Polizist in Hannover und steckte den Strafzettelblock wieder ein. Lediglich in Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) kam es zu einem schweren Unfall: Bei einem Autokorso fielen zwei junge Männer aus ihrem Pkw. Nach Polizeiangaben wurde dabei ein 25-Jähriger schwer verletzt, ein 24-Jähriger erlitt leichte Verletzungen.

Die meisten Probleme gab es bisher nur wegen der Hitze und wegen zu viel Biergenuss. Hunderte Fans, die entweder zu wenig Wasser oder zu viel Alkohol getrunken hatten, landeten nicht in den vorbereiteten Zellen der Amtsgewalt, sondern eher in den Zelten und auf Tragen der Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes und anderer Hilfsdienste, die überraschend mehr als die Sicherheitskräfte gefordert sind. Übermütig handelten auch viele Fluss-Hopper, die von Brücken dutzendfach in Main, Spree, Rhein, Isar oder Neckar sprangen und von der Wasserschutzpolizei allesamt lebend herausgezogen wurden.

Kein Thema war die schwüle Witterung für 30 deutsche und österreichische Bergsteiger bei der höchsten und kühlsten WM-Party im Land. In knapp 3000 Metern über dem Meeresspiegel und bei 8 Grad Außentemperatur hatten es die Kletterer im Münchner Haus auf der Zugspitze bei der Live-Übertragung des Achtelfinals zwischen Deutschland und Schweden saugemütlich, versicherte der Wirt. Gleich nach dem Abpfiff begann dann auch dort die nächste Sause, die Bergfeuernacht zur Sonnwendfeier.


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