Berlin - Beinahe wäre sogar der spanische König Juan Carlos gestürzt - nicht vom Thron, sondern in der Kabine von Spaniens WM-Fußballern.
Der Monarch wollte unbedingt den Stürmer Joaquín grüßen, und da ist er fast ins Stolpern geraten, schilderte Trainer Luis Aragonés den Vorfall nach dem Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien, das die Spanier in Kaiserslautern 1:0 gewannen.
Der für seinen Aberglauben bekannte Coach schätzt den König als Glücksbringer. Juan Carlos habe ihm gesagt: Hör zu Luis, zum Achtelfinalspiel (gegen Frankreich) kommen Kronprinz Felipe und Prinzessin Letizia. Aragonés beschwichtigte den Monarchen mit den Worten: Prima, König, keine Sorge! An dieser Stelle seines Berichts fiel ihm auf, dass ihm ein protokollarischer Schnitzer unterlaufen war. Rasch fügte er hinzu: Ich habe natürlich Majestät gesagt.
In der Partie am Dienstag gegen Hannover müssen die Spanier ohne ihren obersten Glücksbringer auskommen. Gegen die Franzosen kehrt aber Kapitän Raúl in die Stammelf zurück. Der zuletzt auf die Ersatzbank verbannte Madrilene darf aller Voraussicht nach an seinem 29. Geburtstag von Beginn an stürmen, an Stelle von Luis García vom FC Liverpool. Aragonés nahm beim Training in Kaiserau noch einen zweiten Wechsel vor: Er holte Cesc Fabregas (FC Arsenal) ins erste Team. Der 19-Jährige ersetzt Marcos Senna (FC Villareal).
Der 67 Jahre alte Trainer hatte zuvor genüsslich von seiner Begegnung mit dem König erzählt, um die Stimmung im spanischen Lager aufzuheitern. Zwar waren die Spanier mit einer Bilanz von drei Siegen und 8:1 Toren Vorrunden-Weltmeister geworden, sie hatten nach ihrem langweiligen Gekicke gegen die Saudis am Freitag aber auch bittere Kritik zu hören bekommen. Die größte Zeitung El País meinte: Die Spanier spielten mit einer Pomadigkeit, als hätten sie sich auf einem Picknick-Ausflug befunden. El Mundo sprach von Schlafwagenfußball, und ABC vermutete, die Spanier hätten eine Siesta eingelegt.
Nach der Schlafnummer von Kaiserslautern soll der Ruf des gallischen Hahns das Aragonés-Team nun aus der Lethargie reißen. Die eigentliche WM beginnt jetzt erst, feuerte der Coach seine Spieler vor der Partie gegen Frankreich an. Ich bin sicher, dass wir weiterkommen werden. Juan Carlos werde noch genug Gelegenheiten bekommen, den Spaniern bei der WM Glück zu bringen.
Dem Rivalen aus dem Nachbarland wäre Aragonés allerdings am liebsten aus dem Wege gegangen, denn die Franzosen sind für die Spanier so etwas wie ein Angstgegner. Zwei Daten der Vergangenheit sind in Spanien unvergessen: Im Juni 2000 schaltete Frankreich die Spanier im Viertelfinale der Europameisterschaft mit 2:1 aus. 1984 gewannen die Franzosen das EM-Finale gegen den Nachbarn 2:0, nachdem der spanische Keeper Luis Miguel Arconada mit einem kapitalen Fehler Michel Platini zum Führungstor verholfen hatte. Die Madrider Presse forderte nun: Rache für Arconada.
Die Spanier dürften gut ausgeruht sein, nicht nur weil das Team der Roten im Durchschnitt fünf Jahre jünger ist als die Veteranentruppe um Zinédine Zidane & Co. Gegen Saudi-Arabien hatte Aragonés elf Ersatzleute aufgeboten in der Hoffnung, dass der eine oder andere sich für die Stammformation aufdrängen würde. Macht mir die Wahl schwer!, hatte er von den Reservisten verlangt. Diese taten ihrem Trainer jedoch nicht den Gefallen. Die Saudis hätten ein Remis oder sogar einen Sieg verdient gehabt, musste der Trainer einräumen.
Nach der Blamage der Reservisten bereitet dem Coach die Aufstellung für das Achtelfinale wenig Kopfzerbrechen. Torjäger David Villa (FC Valencia) fürchtete, seinen Platz an Raúl abtreten zu müssen, aber nun muss der Katalane Luis García weichen. Raúl hat mit den Franzosen noch eine besondere Rechnung offen. Bei Spaniens 1:2-Niederlage bei der EM 2000 schoss er in der Schlussminute einen Elfmeter in die Wolken. Das Missgeschick war für den tragischen Helden schon schlimm genug. Was noch schwerer wog: Der französische Torwart Fabien Barthez verhöhnte den unglücklichen Schützen obendrein. Dies soll Raúl tief in seinem Stolz verletzt haben.
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