Stuttgart - David Beckham schickte ein Küsschen hinauf auf die Tribüne zu Ehefrau Victoria und Sohn Romeo, ließ sich von den Fans feiern und verließ als Letzter völlig entkräftet den Platz. Englands Retter genoss seinen Triumph in vollen Zügen, obwohl ihm speiübel war.
Ein genialer Moment des hitzegeschädigten Kapitäns führte Englands Fußballer beim qualvollen 1:0 gegen Ecuador ins WM-Viertelfinale nach Gelsenkirchen, wo am 1. Juli Gelegenheit zur Revanche gegen Portugal ist. Wir sind heiß. Mit den Portugiesen und ihrem Trainer haben wir noch eine Rechnung offen, sagte Trainer Sven-Göran Eriksson vor dem pikanten Duell mit seinem Erzrivalen Luiz Felipe Scolari.
Englands Traum vom ersten WM-Titel seit 40 Jahren lebt weiter, der umstrittene Spielführer hat seine Kritiker mundtot gemacht, und auch Eriksson und Beckham haben sich wieder lieb. Alles ist okay. Wir gehören neben Deutschland, Argentinien und Portugal zu den besten acht Teams der Welt. Darauf bin ich stolz, sagte Eriksson und wiederholte seine Botschaft, dass England immer besser und das Beste noch kommen werde.
Gegen den harmlosen WM-Neuling aus Ecuador blieb das Starensemble aber erneut den Beweis eines Titelanwärters schuldig. Behäbig, konzeptlos, uninspiriert, ohne Leidenschaft und Tempo quälte sich der Weltmeister von 1966 beim Langweiler im Glutofen Gottlieb-Daimler-Stadion. Es war eine schreckliche Vorstellung, aber wir sind weiter, gestand Beckham, dessen perfekter Kunstschuss in der 60. Minute England vor einer Blamage bewahrte. Held der Stunde und Wundertor, titelten die englischen Zeitungen.
David war klasse. Er ist bei Standardsituationen einer der besten Spieler der Welt, lobte Eriksson seinen Lieblingsspieler, mit dem er sich unter der Woche noch angelegt hatte. Beckham ist fantastisch, sagte John Terry. Er hat gezeigt, wie wichtig er für uns ist, meinte Bayern Münchens Owen Hargreaves. Beckham hatte sein wichtigstes Tor seit dem 6. Oktober 2001, als er gegen Griechenland die Three Lions in letzter Sekunde zur WM 2002 schoss, erzielt. Damit ist er der erste englische Spieler, der bei drei WM-Turnieren (1998, 2002 und 2006) ins Schwarze getroffen hat.
Beckham war nach seinem ersten Tor seit 15 Monaten völlig fertig und musste sich auf dem Platz mehrmals übergeben. Mir war in der zweiten Halbzeit richtig übel, und dann kam alles raus, berichtete der 31 Jahre alte Superstar. Schon beim Aufwärmen bei über 30 Grad Hitze hatte er sich unwohl gefühlt. Mir hat er davon nichts gesagt, erklärte Eriksson, der seinen Spielführer drei Minuten vor Spielende erlöste und gegen Aaron Lennon austauschte.
Am Tag nach der Partie konnten sich Löwenherz Beckham und Co. beim leichten Training in Bühlertal erholen. Eriksson beschäftigte sich derweil schon mit Portugal und seinem Gegenspieler Scolari. Dieser hatte England bei der WM 2002 als Coach des späteren Weltmeisters Brasilien im Viertelfinale ausgeschaltet. Bei der EM vor zwei Jahren in Portugal war ebenfalls im Viertelfinale gegen den von Scolari betreuten Gastgeber Endstation. Dass Scolari nach der WM Eriksson ablösen sollte, verleiht dem Duell noch eine besondere Brisanz.
Immerhin kann Eriksson gegen Portugal wohl wieder mit Rechtsverteidiger Gary Neville planen. Er hat seine Verletzung auskuriert und steigt wieder ins Mannschaftstraining ein, sagte Co-Trainer Steve McClaren nach einem nicht-öffentlichen Training in Bühlertal. Wegen einer Wadenverletzung hat Neville seit der Auftaktpartie gegen Paraguay kein WM-Spiel mehr bestritten.
In England herrschte nach der Tortur Erleichterung, aber auf Eriksson hagelte heftige Kritik nieder. Man wundert sich, ob er überhaupt weiß, was er tut, kritisierte die Sun. Er ändere zu oft seine Meinung darüber, wer spiele, und vor allem, wer in welcher Position spiele. Die Daily Mail ließ kein gutes Haar an Eriksson. Nachdem wir am Sonntag so großes Glück hatten, brauchen wir jetzt noch einen kleinen Segen: einen neuen Manager. Wenn in Gelsenkirchen der Vorhang falle, sei das nicht die Schuld der Spieler, sondern die des Trainers.
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