Berlin - Es war nie meine Intention, es allen Recht zu machen. Mit dieser klaren Einstellung, die er schon als erfolgreicher Fußball-Profi rigoros durchgesetzt hat, rast Jürgen Klinsmann als Chef der deutschen Nationalmannschaft auf einen Erfolg zu, den ihm lange nur wenige zugetraut hatten - nur drei Schritte fehlen noch.
Klinsmann hat polarisiert wie kein Bundestrainer vor ihm, er hat ohne Kompromisse seinen neuen Kurs durchgeboxt, er hat dabei auch Urgesteine bei der Nationalelf verprellt, er hat heftigste Kritik ausgelöst im Fußball-Lager - doch er hat diesen Kampf gegen alle Widerstände schon vor dem Abschluss seiner Mission gewonnen.
Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinander nehmen, hatte der Wahl-Kalifornier schon vor seiner Inthronisierung angekündigt - jetzt huldigt auch dieser Laden dem Reformer Klinsmann. Meine Messlatte ist längst übersprungen. Diese WM ist ein Märchen, erklärte Theo Zwanziger, der Geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), nach dem Einzug seiner Vorzeige-Mannschaft ins Viertelfinale - und stellte Klinsmann praktisch einen Freibrief zur Job-Verlängerung aus.
Noch vor einigen Wochen hatte sich auch der DFB-Chef in die lange Reihe der Klinsmann-Skeptiker eingereiht, als im März nach dem 1:4 in Italien und dem Fernbleiben beim FIFA-Workshop Klinsmann so heftig wie nie zuvor attackiert worden war. Er muss näher und regelmäßiger bei der Mannschaft sein. Er muss in Deutschland präsenter sein. Das kann ich erwarten, hatte Zwanziger in der Debatte um den amerikanischen Wohnsitz des Bundestrainers gesagt.
An der Spitze der Zweifler stand WM-Chef Franz Beckenbauer, schon als DFB-Teamchef und Bayern-Präsident nicht als Fan des abgezockten Profis Klinsmann bekannt. Es hat einfach keinen Sinn. Ich habe oft mit ihm gesprochen, dass er jetzt mehr in Deutschland zu sein hat, hatte der Kaiser gerügt und Unverständnis über Klinsmanns Fehlen beim Treff der WM-Trainer gezeigt: Jeder geht mit seinem Bereich so um, wie er erzogen wurde. Von Klinsmanns neuer Philosophie sei nicht mehr viel übrig geblieben, hatte Beckenbauer angeschlossen.
Da werde aggressiv versucht, Stimmung zu machen. Das hat nichts mit der Arbeit zu tun, beschwerte sich Klinsmann danach. Kurz vor der WM berichtete der 41-Jährige dann sogar von einer Allianz gegen ihn: Man wollte mich kippen. Feinde blieben nicht aus. Der Reformer hat eine Institution wie Sepp Maier abserviert, Oliver Kahn vom Titanen-Sockel gestürzt, den meuternden Christian Wörns abserviert, die Bundesliga mit Fitnesstrainern aus den USA und Leistungstests verärgert - und später auch noch Kevin Kuranyi aus dem WM-Kader gestrichen.
Selbst die eigenen Spieler waren mit dem Tempo der Reformen zum Teil überfordert. Er war uns immer schon voraus. Er hat uns Dinge eingeimpft, die wir noch gar nicht richtig glauben konnten, gestand am Montag Christoph Metzelder ein. Das ist Teil des Jobs, sagte Klinsmann, der allerdings mit seinem knallharten Maßnahmen auch einige verbrannte Erde hinterließ und auf Vergangenes nicht mehr eingehen wollte.
Als jedoch aus anderen Richtungen Kritik an seinem Kurs laut geworden war, hatte der Bundestrainer doch noch zurück gegiftet. Ich muss mir Dinge anhören von Politikern, DFB-Vizepräsidenten und anderen, die mit meinem Beruf nichts zu tun haben. Da urteilen Leute, ohne die Sache zu kennen, beschwerte sich Klinsmann und schloss an: Wo sitzen unsere Gegner eigentlich, in Brasilien - oder sind unsere Gegner in Deutschland, die uns nichts mehr gönnen?
Schon einen Tag nach Amtsantritt Ende Juli 2004 hatte Klinsmann dem DFB den ersten Korb gegeben und statt des einstigen Beckenbauer- Assistenten Holger Osieck seinen Vertrauten Joachim Löw zum Co- Trainer gemacht. Dass es in einem solchen Prozess immer Leute gibt, die sich quer stellen, ist normal, sagte der Bundestrainer zu den Widerständen. Nur einmal, mit der revolutionären Verpflichtung von Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als DFB-Sportdirektor, konnte sich Klinsmann nicht durchsetzen. Der Bundestrainer wird es nicht vergessen haben, auch wenn ihn jetzt alle lieb haben, weil sein Team nur noch drei Siege vom großen Ziel WM-Titel entfernt ist.
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