Berlin - Für die Fans aus aller Welt hat er sein Schlafzimmer geräumt, und nächstes Jahr will er einer Gegeneinladung nach Rio folgen. 12 WM-Gäste aus Serbien, Kroatien, Finnland, England und Brasilien hatte Michael Sanwald schon in seiner Wohnung in Berlin-Tiergarten.
Abends zieht er mit ihnen auf die nahe gelegene Fanmeile vor dem Brandenburger Tor oder bummelt über den Ku`damm. Das ist großartig und macht wahnsinnig viel Spaß, schwärmt der 58 Jahre alte Rentner, der während zur Fußball- Weltmeisterschaft auf seine Couch im Wohnzimmer umgezogen ist.
Schlafen im Kinderzimmer, im Schrebergartenhäuschen oder im Zelt unterm Sternenhimmel: Während Hotels und Gasthäuser zur Fußball- Weltmeisterschaft vielerorts über mangelnde Auslastung klagen, erleben private Bettenanbieter und Fancamps einen wahren Boom. Viele Gäste aus dem In- und Ausland schätzen die preiswerte Möglichkeit, spontan an den Spielorten unterzukommen. Oft schließen Vermieter und Fans Freundschaften, schauen sich gemeinsam die Spiele an und feiern bis spät in die Nacht den Sieg ihrer Teams.
Die friedlich-fröhliche Atmosphäre auf den Straßen spielt sich auch in den Wohnzimmern ab, berichtet Marc Bialojahn von der Fanorganisation Ein Dach für Fans, die auch von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt wird. Die Resonanz sei überwältigend. Die Idee der Völkerverständigung werde total ausgelebt. Rund 5000 Schlafmöglichkeiten werden über das Portal angeboten, gut 60 Prozent kostenlos. Bettenbörsen zu einer Fußball-WM habe es in der Form bislang noch nicht gegeben. Wir wollen weitermachen, auch zur Europameisterschaft 2008 und den Qualifikationsspielen zur nächsten WM, betont Bialojahn.
Viele Fans reisen durch Deutschland von WG zu WG, berichtet Alexandra Tippenhauer von der Bettenbörse host-a-fan aus Hamburg. Die Idee Die Welt zu Gast bei Freunden sei ein voller Erfolg. Viele Anbieter hätten schon Gegeneinladungen erhalten. In der Datenbank stünden derzeit rund 1900 private Vermieter. Es gab schon mehr als 6500 Anfragen aus 55 Ländern.
Auf der Übernachtungsplattform von Immobilienscout24 sind etwa 17 000 Angebote zu finden. Zimmer sind dort für 20 bis 60 Euro, eine ganze Wohnung für bis zu 120 Euro pro Nacht zu haben. Vermieter müssen für ihr Inserat im Internet elf Euro zahlen. Die Erlöse gehen an die Stiftung Jugendfußball. Bislang sind schon 25 000 Euro zusammengekommen.
24 Fans aus neun Nationen hat Wolfgang Fischer schon in seinem Schrebergarten unweit des Bochumer Fußballstadions beherbergt. Seinen Übernachtungsgästen bietet er ein kostenloses Rund-um-sorglos-Paket - vom Frühstück bis zum Shuttle-Dienst zum Flughafen oder Bahnhof. Auch frierenden Gästen aus Trinidad-Tobago besorge ich noch spät in der Nacht eine wärmende Zusatzdecke, berichtet der 61-Jährige.
Gute Stimmung herrscht auch auf den zahlreichen Fancamps, die vor allem für junge WM-Besucher attraktiv sind. Wir sind ausgebucht, heißt es in der Tentstation mitten in Berlin. Engländer, US- Amerikaner, Chilenen, Franzosen, Holländer und Argentinier zählten bislang zu den Zeltgästen in dem stillgelegten Freibad. Abends werde gemeinsam gegrillt oder in den mit Sand aufgefüllten Schwimmbecken Beachvolleyball gespielt. Für 10 bis 15 Euro können die Fans hier in eigenen oder gemieteten Zelten unter alten Bäumen schlafen.
Rund 1750 Gäste zählte das Fancamp Berger See in Gelsenkirchen zu Halbzeit der WM. Gute Auslastung meldet auch das Camp in Hannover, das bis zum Ende der Spiele mit mehr als 3000 rucksackreisenden Fans rechnet. Die Multikulti-Atmosphäre ist toll, sagt eine Organisatorin. Die Übernachtung kostet dort 8 Euro, Frühstück gibt es schon ab 4 Euro.
Das größte deutsche Fancamp in Dortmund hat bislang 16 000 Übernachtungen aus 44 Nationen verzeichnet. In den klimatisierten Westfalenhallen bietet sich ein buntes Bild: Viele der 12 Quadratmeter großen Kojen sind mit Fahnen und anderen Fanutensilien geschmückt. Unter den Gästen waren auch schon südamerikanische Großfamilien - vom Enkel bis zum Großvater, erzählt ein Sprecher.
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