Berlin - WM-Touristen als Animateure: Oliver Kahn & Co. sind bei der Heim-Weltmeisterschaft nur Zuschauer und hatten bislang nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Kabine ihre großen Auftritte.
Wie kein Bundestrainer zuvor versucht Motivator Jürgen Klinsmann seine Reservisten in die Mannschaft einzubinden, aber zufrieden können die Profis in den ungeliebten Nebenrollen trotzdem nicht sein.
Ernst Albrecht war 1934 in Italien der erste deutsche WM-Urlauber, 72 Jahre später droht dieses harte Los gleich sechs Mann: Neben Kahn, Thomas Hitzlsperger und Jens Nowotny noch Marcell Jansen, Mike Hanke und Timo Hildebrand. Vor vier Jahren hatte es die Ersatztorhüter Jens Lehmann und Hans-Jörg Butt sowie die Feldspieler Lars Ricken und den vorzeitig abgereisten Jörg Böhme getroffen.
Klar, muss man die 23 besten Spieler zu einer WM mitnehmen. Aber es geht auch darum, Leute hintendran zu haben, die sich voll einbringen, die der Mannschaft Energie geben, sagte Christoph Metzelder. Beim Erfolgspuzzle achtete Klinsmann schon bei der Nominierung penibel darauf, möglichst keine störenden Teilchen mitzunehmen. Längst ist klar, dass auch bei dieser WM einige über die Touristen-Rolle nicht hinaus kommen werden. Je länger das Turnier dauert, desto größer der Frust der Lückenbüßer.
Auch deshalb versucht Klinsmann immer wieder, deren Wichtigkeit hervorzuheben. Vor dem Spiel gegen Schweden hat Thomas Hitzlsperger das Wort ergriffen und hat alle noch mal gepusht, verriet Metzelder. Auch Kahn, David Odonkor und Nowotny durften schon Heiß-Macher spielen und sich dazu gehörig fühlen - aber viel lieber würden sie auf dem Platz dabei sein.
Dauerbrenner auf dem Klinsmannschen WM-Zug sind dagegen Per Mertesacker, Philipp Lahm und Jens Lehmann, die bislang mit 360 Minuten Einsatzzeit immer auf dem Feld standen. Insgesamt durften sich 17 Akteure des 23er Kaders beweisen. Als zwölfter Mann gehört der Bremer Tim Borowski mit 129 Minuten in vier Begegnungen am ehesten zum Stamm. Edel-Joker Oliver Neuville kam zwar nur auf 74 Minuten, doch mit vier Einwechslungen - zwei für Miroslav Klose, zwei für Lukas Podolski - ist er ebenfalls ganz dicht an der ersten Elf. Als Joker erfüllte David Odonkor bislang seine Rolle, als Defensiv- Backups wurden Sebastian Kehl und Robert Huth bei Laune gehalten.
Für Klinsmanns Sprachrohr Metzelder sind aber gerade die Bankdrücker der Qualitätsmaßstab. Um die Stärke einer Mannschaft zu beurteilen, muss man auf die Spieler schauen, die enttäuscht sind, dass sie bislang nicht so zum Zuge gekommen sind, sagte der Innenverteidiger, der bei Borussia Dortmund zuletzt selbst nur Reservist war. Gemessen daran stimmt es in der deutschen Mannschaft. Fast noch überschwänglicher als die Profis auf dem Rasen feierte die Reserve-Garde die bisherigen Treffer auf der Bank, gerade gegen Schweden zeigten sie sich beim überschwänglichen Jubel in Party- Laune.
Besonders bitter ist die Heim-WM für die langjährige Nummer 1 Kahn, der im Viertelfinale in einer Rangliste die Spitzenposition übernimmt, in der er am liebsten überhaupt nicht auftauchen würde: Er ist zum 15. Mal Zuschauer bei einem WM-Spiel, ein Mal mehr als Olaf Thon und Eike Immel.
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