Rio de Janeiro - Richtig überzeugen konnte Brasilien bei der Fußball-WM in Deutschland noch nicht. Bei den Fans daheim herrscht aber in Erwartung des sechsten WM-Titels bereits Karnevalsstimmung.
Selbst mehrere Stunden nach dem Achtelfinalsieg über Ghana feierten in Rio de Janeiro noch Zehntausende in den Landesfarben gelb und grün gekleidet bei viel Samba und Caipirinha auf den Straßen.
Euphorie verbreitete auch Staatspräsident Luiz Lula da Silva. Nachdem er sich im Präsidentenpalast in Brasilia eingeschlossen hatte, um das Spiel mit Gattin Marisa und 21 Ministern zu verfolgen, jubelte der Ex-Gewerkschaftsführer: Unsere zukünftigen Gegner müssen richtig in Sorge sein. Millionen sangen derweil auf den Straßen: Ich bin Brasilianer, mit viel Stolz, mit viel Liebe.
Nicht nur in Rio, sondern auch in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo und andere Städten explodierten Feuerwerke aus Böllern, Jubelgesängen und Samba-Musik. Nur noch drei Stufen bis zum sechsten WM-Titel, schrie eine Rentnerin in der Traditions-Fanmeile Alzira Brandao im Norden Rios. Dort hatten sich mehr 30 000 Menschen versammelt, um die Begegnung auf einer Großleinwand und in den umliegenden Bars zu sehen.
Experten und Medien wollten unterdessen nicht in den Chor der Optimisten und grenzenlos Glücklichen einstimmen. Brasilien hat nicht schön gespielt. Aber ich glaube, dass die WM für unsere Nationalspieler erst jetzt anfängt, meinte der frühere Nationaltrainer Emerson Leao. Brasilien gewinnt 3:0, stellt Rekorde auf ... aber nicht einmal Parreira war zufrieden, titelte etwa die Zeitung Folha de Sao Paulo.
Während andere Medien Bürokraten-Fußball der Seleçao kritisierten, warnte der angesehene Sportjournalist Juca Kfouri: Der Sieg gegen Ghana war einfach, aber trügerisch. Die Zeitung Estado de Sao Paulo hob aber hervor: Spieler wie Cafu und Kaká hätten schon vor dem Spiel gesagt, bei der WM sei das Vorwärtskommen wichtiger als Spektakel.
Die Copa, die WM, stellt dieser Tage in Brasilien alles in den Schatten, ist wichtiger als Politik oder Geschäfte. Die Börse in Sao Paulo schloss schon vor der Mittagszeit. Die meisten Schulen, Läden und Firmen hatten ohnehin gar nicht erst geöffnet. Zum Glück der brasilianischen Firmenbetreiber ist das nächste Spiel aber wenigstens am Wochenende. Lasst die Franzosen kommen, schrie derweil der Kommentator der TV-Senders O Globo nach dem Abpfiff.
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