Berlin - Jürgen Klinsmann fürchtet, dass Philosophie und Stil der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei einem Scheitern im WM-Viertelfinale wieder gekippt werden könnten.
Im Moment warten alle das Ergebnis der WM ab, erklärte der Bundestrainer vor dem Hit gegen die starken Argentinier in Berlin. Wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ginge die Diskussion wieder los: Wäre es nicht besser gewesen, abzuwarten? Erst mal hinten dichtzumachen? Auf Konter zu lauern? Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir weiterkommen, noch weiter, bis zum Endspiel, betonte Klinsmann in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit.
Im Fachmagazin kicker wehrt sich Klinsmann indes gegen Vorwürfe, der Stab der Nationalmannschaft sei zu teuer. Wer das behauptet, betreibt Meinungsmache. Das ist absoluter Nonsens. Wir sind durch unsere Arbeit die finanzielle Lokomotive im deutschen Fußball. Wir spielen die Sponsoren ein, wir spielen volle Stadien ein, wir spielen die höchsten Einschaltquoten seit Jahren ein. Wir haben einen Imageaufbau einer Mannschaft geleistet, die offen ist für Medien, Sponsoren und Zuschauer. Was die Nationalelf in Anspruch genommen haben, haben wir zigmal, wirklich zigmal reingespielt, bemerkte der Bundestrainer. Deshalb sei ein Abbau des Stabes, etwa der Fitnesstrainer, des Psychologen oder des Chefscouts nach der WM nicht verhandelbar.
Der eingeschlagene Kurs sei für das Aufholen und Fortkommen des deutschen Fußballs ohne Alternative und durchaus auf die Vereine übertragbar, unterstrich Klinsmann. Alle wissen das. Das weitere Schweigen solcher Fußball-Größen wie Franz Beckenbauer oder Günter Netzer zu diesem Thema zeige noch, wie zerbrechlich die ganze Sache ist. Bis kurz vor der WM habe man doch eine ganze Generation deutscher Fußballer im Vorhinein für unfähig erklärt. Aber wir haben jetzt die Antwort gegeben: Wir haben diese Spieler doch. Man muss ihnen nur die Möglichkeit geben, sich zu entfalten, sagte der Trainer-Neuling und rüffelte erneut die Bundesliga: Wenn man Spieler auf die Bank setzt in den Clubs oder ihre Stärken nicht richtig fördert, muss man sich nicht wundern.
Zwar würden auch einige Bundesliga-Trainer wie Thomas Schaaf, Thomas Doll oder Jürgen Klopp neue, verheißungsvolle Wege gehen. Aber klar ist: Wenn wir international den Anschluss nicht auf Jahre verpassen wollen, muss ein gewaltiger Ruck durch Fußball-Deutschland gehen. Finanziell sei das für die Clubs durchaus machbar: Wenn ich einen Verein führen würde, würde ich lieber vier Fitnesstrainer für je 50 000 Euro beschäftigen und dann eben für einen Spieler 200 000 Euro weniger ausgeben oder einen Transfer weglassen.
Vor allem der Deutsche Fußball-Bund müsse sich bekennen. Er muss sich erklären: Steht er für diese Spielphilosophie? Oder steht er nicht dafür? Das, was die Verantwortlichen der Nationalmannschaft machen würden, ist einfach internationaler Standard, das ist der Fußball vom FC Barcelona, von Arsenal London, von Ajax Amsterdam. Und Klinsmann fügte an: Zwischen den deutschen Topteams und diesen Mannschaften liegen Welten.
Der bisher wichtigste Beleg für die Richtigkeit der neuen Spielphilosophie sei sicherlich diese Weltmeisterschaft, machte Klinsmann deutlich. Jeder sieht bei dieser WM, dass deutsche Spieler ein hohes Tempo spielen können, über 90 Minuten und notfalls auch darüber hinaus. Dass sie schnellen Fußball praktizieren können, mit nur ein oder zwei Ballkontakten. Jeder weiß jetzt: Das alles können deutsche Fußballer! Wenn sie richtig geführt werden und richtig trainieren. Im Viertelfinale soll das sein Team erneut beweisen. Argentinien kommt genau richtig. Hier können wir uns messen, über uns hinauswachsen. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen, erklärte der Bundestrainer.
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