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Sicherheitshirn analysiert WM-Infos | 2006-06-29


Berlin - Der elektronische Countdown bis zum Fußball-WM- Finale in Berlin leuchtet in roten Ziffern in dem schlichten, schmalen Raum im Bundesinnenministerium.

Bis auf die Sekunde genau läuft die Zeit bis zum Anpfiff des Endspiels sagt der Chef des Nationalen Informations- und Kooperationszentrums, Reiner Piper. Wie die Teile in einem Uhrwerk greift auch die Arbeit seiner rund 120 Mitarbeiter in dem Zentrum präzise ineinander. In dem Sicherheitshirn zur Fußball-Weltmeisterschaft laufen Informationen über anreisende Hooligans, Gefahren, politisch motivierte Kriminalität, die Situation im Luftraum oder die Lage an den Grenzen zusammen und werden rund um die Uhr bewertet. So einen Sicherheits- Informationsverbund gab es noch nie.

Daraus wird jeden Tag - um 07.00 und um 16.00 Uhr - ein Nationales Lagebild FIFA WM 2006 erstellt, berichtet der 52- jährige Piper, für den die WM die größte und spannendste Herausforderung ist. Nicht nur Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und andere Minister könnten sich über die Lage informieren und für eigene Entscheidungen nutzen, auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) lese darin. Vor dem Schreibtisch des Polizeidirektors von der Bundespolizei hat es sich WM-Maskottchen Goleo in Lebensgröße in einem Fußballsessel bequem gemacht.

Die Bundesregierung habe gegenüber dem Weltfußball-Verband FIFA Sicherheitsgarantien für die WM abgegeben und die müssten eingehalten werden, sagt Piper, der das Projekt noch unter der Ägide von Innenminister Otto Schily (SPD) mit aus der Taufe gehoben hat. Dass jetzt alles so überraschend entspannt und friedlich läuft und es kritische Situationen nicht zuhauf gibt, stört keinen der hoch motivierten Mitstreiter - ganz im Gegenteil.

Operativ tätig werden wir nicht, unsere Aufgabe ist strategisch- planerisches Bündeln, unterstreicht Piper. In dem zentralen Büro mit langen Computertischen aus Holz und riesigen Videowänden und TV- Schirmen an der Wand sitzen einträchtig Vertreter von Ministerien, Behörden, Institutionen und Organisationen - wie Bundesministerien für Gesundheit sowie Verteidigung, Bundeskriminalamt, Europol, Interpol, Eurojust, Technisches Hilfswerk, die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, die die bundesweite Datei von Fußball-Gewalttätern führt, Bundesnachrichtendienst und Innenministerium zusammen - insgesamt sind es 22 Partner.

Anne Becker, die für das Robert-Koch-Institut im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums während der WM hier arbeitet, kommt geradezu ins Schwärmen: Der Informationsfluss ist so beschleunigt, dass es keine Lücken gibt, alle sind auf dem gleichen Stand. Sonst bräuchten Behörden ja länger, sich auszutauschen, dadurch könnte sich Hilfe verzögern. Für den Krisenfall ist das hier sehr, sehr gut organisiert.

Als zu Beginn der WM aus München eine Virusinfektion im dortigen Pressezentrum bekannt wurde, kam die Information schnell in die Zentrale, alle wussten Bescheid, die Gegenwehr konnte vor Ort organisiert werden. Kooperation pur, ohne Verzug, freut sich Piper über den mittlerweile reibungslosen Ablauf.

Bislang habe es auch ein halbes Dutzend Verletzungen des Luftraumes während der WM gegeben, ist zu hören. Gemeinsam und zügig sei in jedem Fall die Lage beurteilt worden. Die Fälle seien aber zumeist harmlos gewesen, die unwissenden Piloten müssten nun mit Bußgeldern rechnen.

Die Idee der Zentralstelle sei angesichts der föderalen Strukturen der Bundesrepublik von den Ländern im Vorfeld kritisch beäugt worden, sagt Christian Sachs vom Innenministerium. Doch auch mit Hilfe der in der Berliner Zentrale einlaufenden Hinweise könne die Polizei vor Ort ihre Einsätze wie gegen Hooligans in Dortmund und Köln konkreter planen. Ein Argument war auch, dass es bei einer Fußball-WM mit zwölf Stadien noch nie so viele Spielstätten gab, dass Millionen Stadionbesucher und Fans unterwegs sind.

Eine ganze Etage des Ministeriums wurde freigeräumt für das Kooperationszentrum, umgebaut und mit modernster Technik zum Beispiel für Videoschaltkonferenzen ausgestattet. Auch an Pausenecken und eine Dusche wurde gedacht. Hightech bietet auch die Raucherinsel: der blaue Dunst wird sofort abgesogen. Da ist schon eine Handvoll Geld in die Hand genommen worden, sagt Sachs diplomatisch.

Der vor Energie sprühende Polizeidirektor Piper weiß noch nicht, was aus dem Modellprojekt nach der WM wird. Er hofft, dass das gebündelte Wissen, dass die neuen Erfahrungen nicht verschwinden. Aus dem Ausland gebe es bereits reges Interesse. Ministerielle aus Österreich und der Schweiz seien schon da gewesen. Dort steht 2008 die Fußball-Europameisterschaft an. Parlamentarier und Sicherheitsexperten aus Südafrika, wo 2010 die nächste Fußball-WM stattfindet, haben sich vorausschauend auch schon in dem Berliner Zentrum zur Fußball-Sicherheit umgesehen.


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