Berlin/Stuttgart - Die Euphorie in Spanien nach der Fußball- Fiesta beim 4:0-Sieg über die Ukraine hat einen Dämpfer bekommen. Vor dem zweiten Gruppenspiel der Spanier bei der Fußball- Weltmeisterschaft gegen Tunesien in Stuttgart ist Kapitän Raúl zu einem Problemfall geworden.
Der Torjäger von Real Madrid kann sich ganz offensichtlich mit seiner Rolle als Ersatzspieler nicht abfinden. Er wirkt trotz des blendenden WM-Starts der Selección traurig und missmutig.
Raúl im Abseits, titelte die größte spanische Tageszeitung El País. Trainer Luis Aragonés knöpfte sich den 28-Jährigen vor und redete ernsthaft auf ihn ein, um ihm Mut zu machen. Anscheinend befürchtete er, dass die Griesgrämigkeit des Kapitäns auf die Stimmung in der Mannschaft drückt. Ich kann den Spieler verstehen, sagte der 67 Jahre alte Trainer. Mir ginge es an seiner Stelle genauso. Raúl sei enttäuscht, aber nicht deprimiert. Der Madrilene soll gegen Tunesien erneut nur zweite Wahl sein.
Die Spanier fürchten vor dem Spiel gegen die Nordafrikaner den Gegner in den eigenen Reihen mehr als die Gegenspieler auf dem Platz. Die Selección war nach ihrem beeindruckenden Sturmlauf beim 4:0- Erfolg über die Ukraine in aller Welt mit Lob überschüttet worden und plötzlich in den Kreis der Titelfavoriten eingezogen. Damit besteht die Gefahr, dass der Ruhm den Spielern zu Kopfe steigt.
Aragonés setzte alle Hebel in Bewegung, um keine Überheblichkeit aufkommen zu lassen. Er redete den Gegner stark und die Leistung der eigenen Mannschaft schlecht: Die Ukrainer spielten trotz Unterzahl Torchancen gegen uns heraus. So etwas darf nicht passieren. Wir müssen noch besser werden. Über den nächsten Gegner sagte er: Tunesien ist der stärkste Rivale in unserer Gruppe. Da kommt ein hartes Stück Arbeit auf uns zu.
Bei den Tunesiern steht Trainer Roger Lemerre genau vor der entgegengesetzten Aufgabe. Der Franzose muss seiner Truppe neuen Mut machen, die gegen Saudi-Arabien, den wohl leichtesten Gruppengegner, über ein 2:2 nicht hinausgekommen war. Wenn wir uns anstrengen, können wir etwas erreichen, glaubt der Coach. Gegen Spanien werden wir mit viel mehr Eifer und Engagement spielen.
In Spanien wurde spekuliert, die Tunesier könnten ihre Kräfte für das möglicherweise entscheidende Gruppenspiel um den zweiten Platz gegen die Ukraine schonen. Aber davon will Kapitän Riadh Bouazizi nichts wissen: Wir gehen sehr motiviert in das Spiel und wollen gewinnen. Allerdings müssen die Tunesier, die in der Geschichte nur ein WM-Spiel gewannen (1978: 3:1 gegen Mexiko), weiterhin auf ihren Torjäger Silva dos Santos verzichten. Den gebürtigen Brasilianer plagt eine Verletzung am linken Schienbein.
Die Spanier halten sich derweil an die Devise Never change a winning team und wollen mit derselben Elf wie gegen die Ukraine antreten. Allerdings machen die Reservisten dem Coach die Wahl schwer. In einem Trainingsspiel schlugen sie das A-Team mit 2:0. Der traurige Edelreservist Raúl konnte sich über den Erfolg jedoch nicht so richtig freuen. Er spielte schlecht und vergab mehrere Torchancen.
Der Madrilene ist mit 43 Toren in 95 Länderspielen einer der größten spanischen Fußballer. Dass er als Kapitän nur zweite Wahl ist, macht seine niedergeschlagene Stimmung mehr als verständlich. Aragonés meinte, das Thema Raúl werde in der Öffentlichkeit überbewertet. Deshalb will ich nicht mehr darüber sprechen, sagte der Trainer genervt.
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