Bad Kissingen - Ecuadors Zuversicht und Selbstvertrauen vor dem WM-Achtelfinale gegen England sind trotz der ernüchternden Deutsch-Stunde ungebrochen.
Wir wollen den Giganten stürzen, kündigte Verteidiger Ulises de la Cruz nach der 0:3-Klatsche gegen den Gastgeber keinesfalls geknickt den nächsten Versuch der Südamerikaner an, am 25. Juni in Stuttgart erstmals bei einer Fußball-Weltmeisterschaft einem der ganz Großen ein Bein zu stellen. Wir wollen weiter Geschichte schreiben.
Luis Suárez, el profe (der Lehrer), sprach von einer Lehrstunde sowie Anschauungsunterricht, bewertete die mangelhafte Gruppen-Abschlussarbeit seiner Schüler aber relativ milde. Nach der Rückkehr ins WM-Quartier Bad Kissingen stellte sich der Tri-Trainer selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Ich hätte neun statt nur fünf Stammspieler schonen sollen. Dann wäre die komplette Mannschaft gegen England ausgeruht, beschrieb Suárez seinen ersten Schnitzer. Sein zweiter Fehler sei die Ankündigung gewesen, gegen Deutschland gewinnen zu wollen. Das hat zu hohe Erwartungshaltungen in Ecuador ausgelöst und ich habe uns damit unnötig das Messer an die Kehle gesetzt.
Schließlich hatte Suárez mit seinem Radikalumbau - fünf Stammspieler saßen auf der Ersatzbank - bewusst für ungleiche Bedingungen gegen die in Bestbesetzung antretenden Deutschen gesorgt. Nein, nein, ich habe mit dieser Maßnahme nicht an den nächsten Gegner gedacht, hatte der Tri-Trainer in Berlin noch treuherzig versichert und dabei breit gegrinst. Möglicherweise war ihm Sepp Herberger mit seinem später als taktischen Geniestreich gefeierten Coup, in der WM-Vorrunde 1954 gegen die als unschlagbar geltenden Ungarn mit einer Reservetruppe eine 3:8-Schlappe in Kauf zu nehmen, ein leuchtendes Vorbild. Im Finale drehte Deutschland bekanntlich den Spieß um.
Der wie die Schlüsselspieler Agustin Delgado, Carlos Tenorio, Segundo Castillo und Neicer Reasco geschonte Kapitän Ivan Hurtado meinte jedenfalls: Der Trainer wird schon an die nächste Partie gedacht haben, und was man da tun kann, um am besten weiter zu kommen. Viele von uns hatten ja eine Gelbe Karte oder waren etwas angeschlagen. Der eingesetzte, aber weit unter Form agierende de la Cruz entschuldigte die schwache Vorstellung mit den vielen Wechseln: So konnten wir doch gar nicht unsere wahren Fähigkeiten zeigen. Von daher hält sich die Enttäuschung in Grenzen.
Suárez hat schon einen Lehrplan, wie er die von ihm schon früh als erster K.o.-Runden-Kontrahent erwarteten Engländer ausknocken will: Wir müssen alles korrigieren, was gegen Deutschland schlecht war, und alles wiederholen, was gegen Polen und Costa Rica gut war. Unsere Zuversicht ist ungebrochen. England-Legionär de la Cruz steigt jetzt zu seinem wichtigsten Berater auf. Der bei Aston Villa spielende 32 Jahre alte Offensiv-Verteidiger kennt die meisten Briten aus der Premier League und kann so seinem Trainer wertvolle Tipps liefern.
England hat eine starke Mannschaft, gute Einzelspieler, die technisch versiert und kopfballstark sind, lautete de la Cruz erste Kurzcharakteristik. Wir haben Respekt, aber keinesfalls Angst. Der geschonte Torjäger Tin Delgado, der in seinen drei Jahren beim FC Southampton nicht zuletzt wegen vieler Verletzungen nie richtig den Durchbruch geschafft hatte und deshalb 2004 nach Quito zurückgekehrt war, will beim Wiedersehen seine Qualitäten beweisen. Es wird schwierig, aber wir haben durchaus Chancen, sagte er.
Auch Suárez räumte trotz aller Zuversicht ein, dass die Rückkehr der Stammkräfte allein keinesfalls den Einzug ins Viertelfinale garantiert. England hat eine der besten Mannschaften seiner Geschichte. Es wird sehr schwer für uns, sagte er. Wenn wir so wie gegen Deutschland spielen, dann haben wir am Sonntag keine Chance. Seine Schützlinge müssten ein frühes Gegentor vermeiden, aggressiver agieren und sich mehr Spielanteile sichern. Den Stundenplan für die nächsten Tage hat el profe entsprechend umgestellt.
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