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Berlins schlechte Erinnerungen an 1974 | 2006-06-12


Berlin - Brasilianische Fan-Samba statt chilenischer Polit-Proteste, friedliches Fußball-Fest statt kalten Kriegs: Vor 32 Jahren war Berlins Westteil noch eine WM-Exklave, heute schlägt in der einst geteilten Hauptstadt das Herz der Weltmeisterschaft.

Champion Brasilien trägt am 13. Juni gegen Kroatien die erste von sechs WM-Begegnungen im Olympiastadion aus, mit dem Finale erlebt die Fußball-Show dort am 9. Juli auch ihren Höhepunkt.

In der seit 17 Jahren wieder vereinten City ohne Mauer und Stacheldraht wollen die Berliner ihren Gästen das weltgrößte Fußballfest diesmal zu einem unvergesslichen Erlebnis gestalten. Acht der zwölf Ausrichterstädte waren schon einmal WM-Gastgeber, doch nirgendwo dürften die Kontraste zwischen beiden Top-Ereignissen so krass zu Tage treten wie in der 3,4-Millionen-Metropole.

Viele Einwohner denken an 1974 zurück, als die geteilte Stadt unter ganz anderen politischen Vorzeichen drei WM-Vorrundenspiele ausrichten durfte. Schon im Vorfeld hatten die Sowjetunion und die DDR alles daran gesetzt, Spiele der bundesdeutschen Mannschaft und osteuropäischer Teams in Berlin zu verhindern. Es gab alle möglichen Erklärungen von DDR-Sportchef Ewald und den Russen, die immer wieder auf den besonderen Status Westberlins aufmerksam machten, erinnert sich der frühere Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Manfred von Richthofen. Sie wollten darauf hinaus, dass Berlin nicht mit anderen Städten der Bundesrepublik gleich gesetzt werden dürfe, meinte der Berliner.

Weil der Ostblock im Weltverband FIFA jedoch nicht mächtig genug war, setzte der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger durch, dass Berlin Spielort wurde. Dort musste die DFB-Mannschaft gegen Chile antreten. Am 14. Juni 1974 schoss Paul Breitner den späteren Weltmeister im ersten Spiel zum glanzlosen 1:0-Sieg. Auf den mit 83 000 Fans voll besetzten Rängen protestierten hunderte Chilenen mit Spruchbändern gegen den von der Militär-Junta initiierten Putsch in ihrer Heimat.

Vier Tage später war die Arena kaum halb voll, als ausgerechnet die DDR-Auswahl gastieren musste. Die West-Berliner unter den 30 000 Zuschauern feuerten beim 1:1 lieber die Chilenen als die Elf aus dem anderen Teil Deutschlands an. Aus dem deutschen Osten waren 3020 ausgewählte Anhänger dabei, die Pfiffe für ihre Sprechchöre ernteten.

Man hatte bei deutsch-deutschen Begegnungen immer ein flaues Gefühl, wenn man für die Wiedervereinigung war. Im DDR-Team war es strenges Protokoll, unmittelbar nach den Spielen abzureisen. Dort gab es immer die Sorge, dass sich die Aktiven und Betreuer untereinander treffen und abgeworben werden, sagte von Richthofen.

Gar nur noch 16 000 Fans wollten zum Abschluss in Berlin bei strömendem Regen das trostlose 0:0 zwischen Chile und Australien sehen. Damit war schon vor dem erst später am Abend stattfindenden deutsch-deutschen Vergleich in Hamburg klar, dass die Bundesrepublik und DDR die nächste Runde erreicht hatten.

Bei der Bewerbung um die EM-Endrunde 1988 verzichtete der DFB unter Neuberger trotz Widerstandes des Senates und der Bundesregierung auf Berlin als Spielort. In der Europäischen Fußball- Union UEFA hatte der Ostblock ein größeres Gewicht als in der FIFA.


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