München - Transatlantisches Treffen! Risiko in der Versicherungsarena. Miro - ein surrealistischer Künstler? Man trinkt den Siegersekt mit Schuss. Alle Welt schaut auf ein Rechteck. Es weltmeistert! - automatische Poesie aus Deutschland.
Nach dem die DFB-Auswahl mit Hurra-Fußball und einem 4:2-Sieg in die Weltmeisterschaft gestartet war, spuckt nun ein Poesie-Automat des WM-Kulturprogramms direkt nach jedem Spiel massenhaft Fußballlyrik aus.
Solche Verse stammen nicht etwa von professionellen Dichtern, auch nicht von Spielern, Zuschauern oder Trainern, sie kommen aus einem Automaten. Dieser Automat, ein Computer mit einer entsprechenden Text-Software, steht im Fußballglobus in Berlin und ist über das Internet von überall her zu erreichen.
Ursprünglich stammt die Idee für einen Poesie-Automaten von dem Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Schon 1974 hatte er die Maschine in einem Aufsatz vorgeschlagen. Und obwohl Deutschland im selben Jahr Fußballweltmeister wurde, hatte seine Idee nichts damit zu tun. Ich bin der totale Fußball-Analphabet, bekennt Enzensberger, ich wollte lediglich eine Art Spielzeug erfinden - eine Maschine, die beliebig viele Gedichte erfinden kann und auf einem kleinen mathematischen Modell mit den Gesetzen der Kombinatorik beruht.
André Heller, Kulturkoordinator der Fußball-Weltmeisterschaft und langjähriger Freund von Enzensberger, gefiel die Idee und so wurde sie Teil des offiziellen Kunst- und Kulturprogramms zur WM. Für jedes der 64 Spiele entstehen mit Hilfe einer Software Gedichte, theoretisch mehrere Millionen verschiedene. Der Computer greift dabei auf verschiedene Datenbanken zurück, die von etlichen jungen Kreativen - Dichtern und Textern - mit Satzteilen und Worten bestückt wurden und kombiniert diese mit Texteingaben, die das aktuelle Spielgeschehen reflektieren: Wer hat das entscheidende Tor geschossen, wer die rote Karte bekommen und welcher Torwart einen Elfmeter gehalten? Die Ereignisse auf und um den Platz werden so zum Inhalt des Gedichts.
Wir wollen damit Menschen erreichen, die sich sonst nicht so mit kulturellen Dingen beschäftigen, sagt Volker Bartsch, Geschäftsführer der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das scheint gelungen: Schon am zweiten WM-Tag seien im Internet mehr als 20 000 Gedichte und Statements aus dem Automaten abgerufen worden, im Durchschnitt alle zwei Sekunden eines, verkünden die Macher des Automaten stolz. Ihre Vision geht allerdings noch einen Schritt weiter. Die Gedichte sollen die Wahrnehmung der Spiele begleiten, auf Zugtickets am Bahnhof und Kassenzetteln im Supermarkt sollen die Deutschen während der Weltmeisterschaft ihr tägliches Gedicht zum Spiel lesen können.
Wer es individueller mag, geht ins Internet. Einfach das gewünschte Spiel und die gewünschte Gedichtform eingeben, ein Klick und fertig ist die Fußballlyrik. Was dabei herauskommt, ist natürlich Glückssache, sagt Hans Magnus Enzensberger, aber der Automat ist auch ein bisschen als Prüfung gedacht: Wen jemand nicht besser ist als die Maschine, dann kann er das Dichten eigentlich bleiben lassen.
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