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Experten: Kein wirtschaftliches Wunder von Berlin | 2006-06-05


Berlin - Das Wunder von Bern brachte der aufstrebenden deutschen Wirtschaft 1954 zusätzlichen Schwung - ein wirtschaftliches Wunder von Berlin wird es nach Einschätzung von Experten nicht geben.

Vor dem Anpfiff zur Fußball-Weltmeisterschaft am 9. Juni in München ist es um die Erwartungen an die Konjunktur ebenso bestellt wie um die an die deutsche Nationalmannschaft: Sie schwanken zwischen Euphorie und Skepsis. In einem dpa-Gespräch warnte der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel vor unrealistischen Erwartungen. Die WM werde weder einen Konjunkturaufschwung noch einen Abbau der Arbeitslosigkeit bringen. Das sportliche und kulturelle Mega-Ereignis hat wegen seiner weltweiten Werbewirkung dennoch große Bedeutung für Deutschland, sagte Hickel. Gewaltfreie und attraktive Spiele könnten den Tourismus und die Marke Made in Germany stärken.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte der Augsburger Allgemeinen: Wir rechnen - vorsichtig geschätzt - mit einem Impuls von rund drei Milliarden Euro verteilt auf drei Jahre. Besonders profitieren werden beispielsweise die Tourismuswirtschaft, Transportunternehmen, die Unterhaltungselektronik sowie Sport- und Fanartikelhersteller.

In der Tat haben einzelne Branchen Grund zum Jubeln: Der Verkauf von Flachbildschirmen, die die Wohnzimmer in kleine WM-Kinos verwandeln sollen, lief ausgezeichnet. Beim TV-Geräte-Hersteller Loewe kletterte der Umsatz im ersten Quartal kräftig - die Erlöse stiegen um 38 Prozent auf 88,7 Millionen Euro. Beim Konkurrenten Philips soll sich der Umsatz von Flachbildfernsehern mehr als verdoppeln.

Unter den Skeptikern ist etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. In einer Studie bewerten die Forscher die WM als wichtiges sportliches und kulturelles Ereignis - aber ohne nennenswerte gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Zwar dürfte die WM den Kauf von Elektro- und Sportartikeln ankurbeln, hieß es. Ein Anstieg des privaten Konsums insgesamt ist aber nicht zu erwarten.

Aber selbst für die Tourismusindustrie lief nicht alles rund. Einen Dämpfer mussten Berliner Tourismusbranche und Hotellerie hinnehmen: In der Hauptstadt hatte der Fußball-Weltverband FIFA kurzerhand 5000 der 8000 für die WM geblockten Zimmer zurückgegeben. Und auch an anderen Spielorten wurden die Kontingente nicht wie erhofft genutzt. Dennoch wird in Deutschland noch fest mit insgesamt 5,5 Millionen zusätzlichen Übernachtungen durch die WM gerechnet.

Großbanken haben berechnet, dass eine WM genauso wie Olympische Spiele nur minimale Auswirkungen auf große Volkswirtschaften hat. Volkswirte schätzen den Beitrag zum Konjunkturwachstum zwischen nahezu Null und 0,25 Prozentpunkten ein. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag erwartet beim Bruttoinlandsprodukt 2006 einen WM- Aufschlag von 0,33 Prozentpunkten. Insgesamt setzt jedes sechste Unternehmen auf positive Effekte, wie eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ergab. Rund um die zwölf Spielorte ist es sogar jedes fünfte.

Am Arbeitsmarkt gilt eine kräftige Belebung bei allem Optimismus indes als unwahrscheinlich. Während der WM dürften 60 000 zusätzliche Stellen entstehen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Davon könnte die Hälfte von längerer Dauer sein.

Die WM 2006 ist kein Wundermittel, das alles richten kann, sagte Volkswirt David Milleker von der Dresdner Bank. Wir reden über einen Tropfen auf den heißen Stein. Jens-Uwe Wächter von der DekaBank hofft auf einen Wohlfühlfaktor, der generell zu einer guten Stimmung in Deutschland beitragen kann. Und das ist eine ganze Menge.


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