London - Claudia Schiffer räkelt sich in London unter einer deutschen Flagge. Invest in Germany, boys, steht daneben. Den Boys in Nadelstreifen, die in der U-Bahn-Station Bank im Finanzdistrikt ankommen, gefällt das Poster.
Model-Kollegin Heidi Klum geht im Einsatz für Germany noch weiter: Für ein britisches Magazin-Cover posiert sie nackt - bis auf die Pantoffeln, jeweils in den britischen und deutschen Farben. Zur Fußball-WM präsentiert sich Deutschland an der Themse von seinen schönsten Seiten.
Und, Fußball sei dank, das Deutschland-Bild der Briten scheint sich zum Besseren zu wenden. Die Grundstimmung der Kommentare in den britischen Medien ist derzeit so weitgehend positiv wie noch nie. Vorsprung durch Football überschreibt die Times einen Kommentar, in dem sie Deutschland bescheinigt, gut sechs Jahrzehnte nach dem Kriegsende endlich bereit zu sein für ein rebranding, für ein neues internationales Markenimage als Land und als Volk.
Claudia Schiffer hilft nach Kräften mit, daran zu arbeiten. Es ist an der Zeit, die Klischees von Deutschland über Bord zu werfen, sagt die in London lebende Schönheit der Zeitung in einem Interview. Wir sollten zeigen, dass Deutsche wirklich Sinn für Humor und Gespür für Kreativität haben.
Daran arbeiten derzeit sogar die Verkäufer und Dekorateure des bekanntesten britischen Luxuskaufhauses fleißig mit. Harrods im Nobel-Viertel Knightsbridge erstrahlt seit dem Pfingstwochenende im Glanz deutscher Edelprodukte. Sämtliche Frontschaufenster und wichtige Treffpunkte innerhalb des traditionsreichen Hauses sind nach dem Motto German by Desgin mit Marken gestaltet, die sich allerdings auch viele Deutsche nicht so leicht leisten können: Maybach, Boss, Glashütte, Escada, DaimlerChrysler, Lagerfeld - um nur einige zu nennen.
Und im Food-Department von Harrods werden als Begleitessen zu den WM-Spielen so schwer aussprechliche Delikatessen wie German Schinkengriebenschmalz angeboten. Immerhin gibt es auch jede Menge leichte deutsche Rieslinge. Wir zeigen hier ein für allemal, heißt es in der Begleitbroschüre des Edelkaufhauses ein klein wenig übertrieben, that Deutschland is truly über alles.
Das mit dem über alles ist wohl eher ein unbewusster Tritt in ein Fettnäpfchen der Geschichte. Jedenfalls gibt die Times allen Repräsentanten Deutschlands einen Rat: Sie sollten gelegentlich im Königreich noch anzutreffende Nazi-Anspielungen nicht ernst nehmen. Viel zu oft würden sie noch überreagieren und damit auf die Köder hereinfallen, die ihnen frotzelnde (britische) Medien hinhalten.
Das passiert dem deutschen Kabarettisten Henning Wehn, der sich in London großer Beliebtheit erfreut, freilich nicht mehr. Wenn der Wirt in seinem Pub ihm One pint for mein Führer? anbietet, quittiert er das mit einem Lächeln. In seiner Show bedient er britische Deutschland-Klischees bewusst überzogen - und regt damit zum Nachdenken an, wie Germany heute wirklich sein mag: Mein Großvater starb in einem Konzentrationslager - er fiel von einem Wachturm.
Peinlich ist das vor allem für jene, die Deutsche immer noch als unverbesserliche Nazis im Herzen darstellen und damit auch am Rande der WM gern ein bisschen provozieren möchten. Für solcherart Fans werden derzeit auf britischen Flughäfen Müllcontainer aufgestellt. An Kontrollpunkten dürfen sie vor der Weitereise nach Deutschland Nazi-Devotionalien entsorgen. Zum Angebot von Internet-Händlern gehörten in den letzten Monaten Hitler-Schnauzbärte zum Ankleben und Wehrmachtstahlhelme aus Plastik mit der Aufschrift Attack.
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